Scribere necesse est...

Postillon versus Internet

 

oder: Der Irrtum

 

 

 

Ach, wie war es ehedem 

mit Briefeschreiben unbequem; 

man musste in die Läden laufen, 

Papier und Tinte dafür kaufen 

und Marken auch für Post und Bahn. 

Dann gar das Schreiben! Lieber Schwan! 

Da gingen Wochen wohl ins Land, 

bevor in seinem Kasten fand 

nun endlich der Bedachte diesen Brief, 

wohltuend erstem Augenschein 

und beigepackt ein Blümchen fein. 

Gleich war es fortgespült, das Seelentief. 

 

 

Die Worte, dem Empfänger zugedacht 

und zwar nur ihm, sie wurden überbracht 

mit allem, was den fernen Freund bewegt, 

was ihn berührt, an welcher Last er trägt 

und gleich auch fragt, wie es dem anderen geht. 

Ob wohl ein guter Wind auf seinen Wegen weht, 

ob ihm die Sonne scheint oder Gewitter sei; 

und ob der Kummer, der mal war, vorbei?

Kurz: Mit jedem Wort, das in den Zeilen stand, 

war es zu lesen, das Gefühl von „du bist wichtig“. 

Alles andere ist dem Schreiber null und nichtig, 

Er stellt sein eigenes Ego an den Außenrand. 

 

 

Von gestern! Hört man manche heut wohl höhnen, 

die Menschen, die auch weiterhin dem frönen, 

was so wie weiter oben schon beschrieben steht. 

Ich meine aber, wenn auch Jahr und Tag vergeht 

und schnelle Mails die Nachrichten ersetzen, 

so sollten wir auch heute uns nicht hetzen, 

stattdessen wohlbedachte Worte aneinander reihen, 

der Zugewandtheit und dem DU die Stimme leihen. 

Nicht immer nur die eigenen Befindlichkeiten, 

die eigene Wichtigkeit in erste Reihe stellen. 

So mag die Lust auf Antwort gleich zerschellen; 

insofern ändern sie sich nicht, die Zeiten. 

 

 

©Margret Silvester, 19. Juli 2014
überarbeitet am 22. Februar 2025