Ich sah die Göttin auf dem Widderwagen,

sah sie die schweren Wolkenberge jagen,

sah sie in wilder Jagd vorüber toben,

am Himmel alle Wetter proben.

So jung noch ist sie heuer im April,

doch sie wird reifen, wissen, was sie will
und was sie muss: Den Lebenskreislauf lernen

dort oben unterm Silbermond und allen Sternen.

 

Schon an Beltane wird sich ihr Schnee-Gewand

in Teilen wandeln wie durch Zauberhand

und wird in Rot und Weiß sich wieder finden.

An Litha tanzt sie rotgekleidet mit den Winden.

 

Sie gibt sich hin: allem voran der Lust, doch auch dem Leben;
wird sich für dieses Mal vereinen und dem Heros ganz ergeben

und weiß dabei schon um die Trennung, die sie bald erträgt;

Sternentränen werden fallen, wenn die Abschiedsstunde schlägt.


Nach diesem Fest ist sie erwachsen und erfahren;

sie weiß es: Langsam fahren Tage, die so hell mal waren,

in die Nächte früher ein. Schnitters Schemen zeigt sich bald

und führt die Sichel durch Getreide, Gras und Wald.


Sie, die den Segen durch ihr kluges stetes Wirken

auf Felder legt, auf Eichen, Buchen, Ulmen, Birken,

die grüne Wiesen, die ihr Fuß so leicht beschreitet,

mit Blumenspuren übersät; die auch das Wasser leitet,

weist mit geübter Hand auch Flammen in die Schranken,

wenn sie zu wild, zu hoch in unsere Träume ranken.

Schon wechselt sie ihr Kleid, das gleich verwelktem Mohn

zerfällt, zum Eisenhut. Am Abend singt die Drossel schon.


Jetzt, wenn schwarze Falter aus verblassten Rosen Nektar trinken,

wenn wir – vom süßen Wein berauscht – in bunte Träume sinken,

wenn sich nur Nebelschleiern gleich die Anderswelt verbirgt,

dann ist es ihre Hand, die heilend das Gewebe webt und wirkt.

 

Das ist der Umhang, der die furchterfüllten kleinen Seelen,

die nun reisen müssen und aus ihren zugeschnürten Kehlen

Klänge nicht entweichen wollen, schützt vor unbekanntem Grauen

und sie fest umhüllt, sie wieder Atem holen lässt auf frischen Auen.


Das Kleid, einst blau, verfärbt sich in das endlos tiefe Dunkel.

Die Farben sind nicht mehr. Von außen her dringt kein Gefunkel,

kein Stern, kein Mond, kein Sonnenstrahl hier weit und breit

zeigt sich in dieser Finsternis, in der Nacht der Ewigkeit.


Das ist die Zeit. Die Winde tragen jetzt und hier erneut zusammen,

was in dem großen Kessel der aus Erdenglut geschürten Flammen

mit Hexenkraft die Göttin wieder neu gebiert: Das Sonnenlicht,

das klein und noch ganz ohne Kraft am Erdenrand sich bricht.


Und dennoch: Ist der Heros erst einmal durch SIE erstanden,
ist der Schwur getan, mit dem das Eis, die Kälte schwanden,

haben auch die wilden Horden sich dem Wandel hingegeben,

dann triumphiert nur eines noch: sein Name ist das Leben.


Nach Imbolc lässt das Tageslicht uns wirklich wieder planen;

die Sonne wärmt schon und ein erstes Grün macht uns erahnen,

dass Ostara die dunklen Zeiten überstanden hat und dann

in ihrem Widderwagen das Himmelsblau erneut durchfahren kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

April, 2012