Pünktlich zum Zug....

oder: Der Countdown

Ich meine, dass jeder es kennt. Dieses Verharren im Nichtstun, weil eine große Sache bevor steht. Eine Sache, die lange geplant ist und auf die man lange gewartet hat. Nun steht sie unmittelbar bevor und man könnte so vieles beschicken, aber der Moment lähmt. 

Um mich herum stehen Koffer mit aufgeklappten Deckeln. Sie sind allesamt nicht mal zur Hälfte gefüllt und was ich in ihnen sehe, kann ich nicht zuordnen. Was braucht man wirklich für eine Reise in ein noch unbekanntes Land? Wenn du nicht weißt, ob dort permanent die Sonne scheint oder ob es saukalt ist in der Ferne, die ich demnächst erforschen will?

Was mögen mir für Menschen auf der Reise begegnen und welche Reiselektüre ist sinnvoll, spannend, unbedingt notwendig? Ich weiß noch nicht einmal, wie lange die Reise dauern wird. Ich weiß nur, dass es eine Reise ist, die in Richtung "vorwärts" führen wird. Bin ich erst einmal in den Zug eingestiegen, gibt es kein Zurück an diesen Ort. Dabei verlasse ich ihn nicht wirklich.

Ich habe mit Freunden über die Reise gesprochen. Mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Die, die mich gut zu kennen glauben, meinen zu wissen, dass ich gut vorbereitet bin. Dass mich nichts erschüttern kann und dass ich allen neuen Eindrücken einen Lustgewinn abluchsen werde. Sie trauen mir zu, dass ich bei Regen, Schnee, Sturm oder Sonnenglut mit dem Spruch auf den Lippen daher komme: Das Wetter interessiert mich nicht. Ich mach das Beste draus.

Dann gibt es andere, die mit guten Ratschlägen aufwarten: Lehn dich nicht zu weit aus dem Fenster, das ist gefährlich. Begegne Fremden mit Misstrauen. Sie wollen dich betrügen. Es mag sein, dass du die Speisen am Ziel nicht verträgst. Und überhaupt: Pass auf dich auf. Am besten, du verlässt das Haus gar nicht.

Eine dritte Gruppe glaubt, dass es mir gut täte, endlich die Sprache des neuen Landes zu lernen. Oder während der Reise meine Zeit mit Kursen auszufüllen, die neben dem Makramee noch anderes anbieten.

Einige wenige sagen einfach: Viel Glück, wo immer die Reise hingeht. Und wenn du unterwegs mal anhalten willst, sag Bescheid. Dann sorgen wir dafür, dass du uns triffst.

Das sind mir eigentlich die liebsten. Denn Makramee kann ich schon.Und die Sprache etabliert sich mit jedem Kilometer, den ich das Land bereisen werde. Ob ich will oder nicht. Erlernen lässt sich diese Sprache ohnehin nicht.

Ich muss mich sputen. Muss die Koffer füllen und nichts Wichtiges vergessen. Am besten ich fertige endlich mal eine Liste an. Auf der notiere ich, was ich dabei haben will. Welchen Menschen ich Karten aus der Ferne schicke und mit welchen ich weiterhin intensiv korrespondieren werde. Und auch welchen Menschen ich auf der Reise aus dem Weg gehen werde.

Wenn ich davon ausgehe, dass die Reise mich nicht zurückbringt in diese Zeit, ist es sicher notwendig, ein wenig von dieser Zeit mitzunehmen in die Zukunft. So ich das kann. Ausprobiert hab ich es nicht. Und es ist kein Verlass auf das, was andere sagen, denn ich glaube, dass jeder diese Reise auf seine Art erlebt. Wenn es nur nicht zu spät ist, sie zu machen. Wie viele haben den Zug verpasst und konnten irgendwann nicht mehr einsteigen, sondern blieben auf dem Bahnsteig stehen, wurzelten dort und warteten so lange, bis das Gleis einrostete und nicht mehr befahrbar war.

Das möchte ich nicht. Bahnsteige - schön und gut, um das Gefühl von Fernweh zu erwecken, aber ich muss auch in den Zug einsteigen, wenn ich hier nicht erstarren will.

Und deshalb ist es wichtig, die Koffer nun fertig zu packen, sie zu schließen, die notwendigen Papiere an mich zu nehmen und das letzte Mal den Weg zum Bahnhof anzutreten. Wer mich begleiten will, soll Zeit mitbringen, denn diese Reise ist keine Wochenendtour. Und spannend wird sie allemal, also nix für Bangbüxen.

6. Februar 2011