Die Grenzen des Machbaren

Leben auf Probe gibt es nicht.

Einzigartig ohne Steigerung. Unbeschritten die Wege, die Stolpersteine nicht markiert. Kein Navi zum Ziel. Eitel ist die Hoffnung und doch ist sie. Leben ohne ist kein Leben.

 

Zwischen zerschlagenen Häusern die Allmacht ignorierend und im Herzen Trotz. Mit aller Vorsicht für zwei, drei weitere Schritte ins Ungewisse. Es muss und wird weitergehen. Aufgeben hieße, negative Mächte füttern. Das Böse lacht laut und ist seiner Sache schon sicher. Mit ungehobelten Manieren marschiert es in viel zu großen Stiefeln über die mit bunten Steinen und Muscheln mannigfaltig verzierten Sandburgen und hinterlässt seinen stinkenden Unrat. Von einem Strand zum anderen zieht sich die Spur. Und glaubt sich verewigt. Wiegt sich in Eitelkeit, besieht sich das Bild eines zerstörten Landes. Was interessiert es, dass kleine Zungen am Sand lecken? Den Unrat erreichen und gierig werden? Zu kleinen Wellen wachsen, unaufhaltsam die Spuren der Stiefel füllen, ein- und ausatmen und dabei mit sich nehmen, was fehl am Platz ist. Den Gestank eliminieren.

Das Lachen wird heiser und verstummt.

 

Mit den Gezeiten ist aber kein Pakt zu schließen. Sie sind. Wir hätten es gern, dass sie Partei ergreifen, das Lachen des Bösen überschwemmen und zum Schweigen bringen. In Wahrheit aber haben sie einen festen Plan und wir sind nur Gaffer.

 

Das Wasser bedeckt und hortet. Nichts geht wirklich verloren. Doch kein Wächter ist vor Ort. Was gestern ein Paradies verunreinigte, lagert und mehrt sich, macht sich in verdeckten Unterströmungen auf den Weg in ein weiteres. Nur all zu gern spannen wir die Hängematte des „Aus den Augen, aus dem Sinn“ und vergessen. Schnell. Das Trägheitsmoment greift und wir verpassen Gelegenheiten, die Ersten am neuen Strand zu sein, untergehakt eine geschlossene Einheit bilden, Wege und Stege zu verbarrikadieren, will das Böse sich wieder und wieder Zutritt verschaffen. Ihm ins Gesicht lachen und ein Feuerwerk entzünden, das seine Augen blendet und es in die Irre gehen lässt. Aufsaugen und zerstreuen, ausdünnen, der Kloake des Bösen den Rückweg abschneiden, es isolieren und ihm seine Endgültigkeit vor Augen halten, wäre zeitnahes Tun.

 

Das Leben ist keines auf Probe, die Erde kein endloser Raum. Hier geht nichts verloren, alles bleibt. Was wir aufnehmen, scheiden wir auch irgendwann aus. Egal, was es ist. Ein Kreislauf in einem geschlossenen System.

Was wir erdenken und erschaffen - wir sind nur die Verformer einer Masse. Alles kleine Frankensteins. Zauberlehrlinge. Schnell im Denken, schneller im Handeln. Noch schneller im Scheitern. Wir schauen nach vorn und arbeiten am Vergessen dessen, was schiefgelaufen ist. Und wenn wir es tun, sehen wir nur unsere eigenen Spuren im Sand. Wieder und wieder. Wir sind ein Teil der Erde und können uns nicht gottgleich davon machen, nachdem wir die Grenzen überschritten haben.

 

Kurzlebig mag unser Tun sein, doch oftmals langlebig genug, dass uns der Wirt die Rechnung präsentieren kann. Dumm, dass einige die Zeche nicht zahlen wollen.

 

Lücken zeigen sich in dem Moment, an dem wir allein stehen. Festgehakte Bilder, vergilbt, verklärt. Wutlose Erinnerungsstücke im zersprungenen Porzellan. Nach hinten abgeschoben, in die zweite, womöglich dritte Reihe. Unbeachtet dem Verfall preisgegeben. Die Begrenztheit unserer Zeit lehrt uns das Schulwissen. Lernen wir zu hinterfragen, nachschauen, zweifeln, richtig handeln oder erhalten wir bereits die Droge Soma (1)

 

 

Die Probe eines Lebens gibt es nicht.

Es ist von Beginn an manifestiert. Kleine Abweichungen erlaubt, das große Ganze ein Sprung ins Nebelbecken und du weißt nicht, welcher Art das Wasser ist, das dich dort auffängt.

 

Zu spät die Entschuldigung. Immer. Nimmt man eine Katze auseinander, um zu sehen, wie sie funktioniert, erkennt man als erstes, dass diese Katze nicht mehr funktioniert. (2)

 

Und das war doch vorher klar. Das Gewissen zeigt ein kleines Achselzucken und sagt UPPS!, nicht mehr zu ändern. Mit einem verlegenen Lächeln zahlt man ein Goldstück in die Staatskasse, denn wirklich und wahrhaftig heilen kann schließlich nur, wer ein Doktor ist.

 

Auf Wellen des Äthers reiten die Katastrophen aus fernen Ländern in unser trautes Heim und vermitteln Nachbarschaft und Unwohlsein. Wogegen der unmittelbare Nachbar an seinem Unwohlsein im Bett verenden kann, ohne dass jemand davon erfährt.

 

Beeindruckend selbst die kleine Libelle, wie sie in voller Funktion im Riedgras steht, abwartend, ruhig, nur die zarten Flügel schwirren, um dann im Flug den ganzen Zauber ihrer schillernden Anmut preiszugeben.

 

Ein Leben, herausgegriffen aus der unendlichen Vielfalt unserer Erde.

 

Das zu kopieren – ein endloser Traum des Menschen. Nicht einfach hinnehmen, was ist, sondern nacheifern, womöglich in der Retorte verbessern. Welch eine Anmaßung, welch eine Überschreitung. Das tote Insekt wird mit allerlei Uhrwerk zu einem Kunstobjekt und wir stehen davor und staunen mit offenem Mund, sind überaus fasziniert von soviel Können. Dabei besaß die lebende Libelle alles in Perfektion. Alles, was für sie notwendig war. Nicht mehr und nicht weniger. Schnell ist ein Lebensfunke ausgelöscht; das Entfachen dagegen – eine Illusion.

Die Tat selbst bleibt ungesühnt.

 

 

Der Sprung im Porzellan nicht zu kitten. Die Schüssel leckt, die Pfütze wächst und wird zum See, zum Meer. Auch wenn die jenseitigen Früchte wie Elmsfeuer dir den Weg leuchten - du erreichst sie nicht. Fehl bist du gegangen und Missernte ist das Resultat. Wie du auch eilst, deine Ernte ist von anderen eingebracht. Der Rest ist verdorrt. Du schaust in leere Körbe und erkennst das Sinnlose deines Tuns. Hast dich mit vermeintlich Wichtigerem beschäftigt und konntest eine Zeitlang ruhig schlafen, weil dir Wohlgesonnene deinen Teller gefüllt haben. Bis zum Rand. Nun musst du erkennen, dass dein Tellerrand nicht der Rand der Welt ist. Der gedeckte Tisch weist enorm viele leere Teller auf, deren Befüllung dauert und dauert. Ein Ende ist nicht abzusehen. Und du hast deine eigene Ernte vergeigt.

Steht ein neues Frühjahr ins Haus, erfahren unsere Wünsche und Träume eine Neuauflage. Das Gewissen teilt weiterhin mit uns das Kissen, auf dem wir unruhige Nächte zubringen. Trugbilder entstehen; Wechselbälger nehmen den Platz neben uns ein, täuschen Liebe und Zuneigung vor. Alles Beängstigende scheint sich aufzulösen und Erleichterung macht sich breit. Mit dem Licht der stets zuverlässig aufgehenden Sonne bringen wir das Saatgut, sorgfältig gelagert, in den fruchtbaren Boden. Es soll keimen und gedeihen. Dieses Mal muss die Ernte werden, weil der Hunger nagt und irgendwer schließlich dafür sorgen muss, dass alle Schüsseln wohlgefüllt sind.

 

Die Ackergrenzen sichern wir mit Flohkraut und sind guten Mutes, dass niemand uns den Platz streitig machen kann. Mit einem Augenzwinkern verfolgen wir den Aufstieg und Fall von Aktien an der Börse und investieren dann doch lieber in Hardware als in Hirse. Wir können zwar später nicht Getreide zu Brot machen, aber durchaus goldene Pflaster auf Wunden kleben, die durch explodierende Hardware entstanden sind. Upps! Wer hätte damit rechnen können, dass Verkauftes auch benutzt wird? Und dann noch in dieser Art und Weise? Ein Gutes hat es aber immer. Die leeren Teller sind ebenso in Scherben und niemand muss sie füllen.

 

Nachtmahre sitzen weiterhin auf unserer Brust, erschweren uns das Atmen. Doch es gibt Mittel und Wege, um sie zu besänftigen, sie zumindest für ein Weilchen abzuschütteln. In kleinen silbernen Blistern zu Hauf.

 

Ein Leben gibt es nicht probehalber.

Wir erhalten es und leben los. Umtausch ausgeschlossen.

 

Vor der Uraufführung kein Ausprobieren. Wir betreten die Bühne und abgeht die Post!. Voller Eifer und Spiellaune, mit ganzem Körpereinsatz. Fällt der Vorhang, ist es vorbei. Ohne eine einzige Zugabe. So sehr die Zaungäste auch applaudieren.

 

 

Januar 2016

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1„Schöne neue Welt“ - Aldous Huxley, *26. Juli 1894, Surrey/England, †22. November 1963, Los Angeles/USA

 

2. Zitat von Douglas Adams, britischer Autor, * 11. März 1952, Cambridge/England, † 11. März 2001, Santa Barbara/Kalifornien