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„Jedermann kann für die Leiden eines Freundes Mitgefühle aufbringen. Es bedarf aber eines wirklich edlen Charakters, um sich über die Erfolge eines Freundes zu freuen."

Oscar Wilde

 
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Sonntag, 27. August 2006

Die Degradierung

Nun ist endlich wieder Ordnung im Raum. Die Dinge haben einen Namen, eine Bezeichnung und können katalogisiert werden. Das ist doch wichtig. Wie sollte man sonst etwas wieder finden. Und dass keiner aus der Reihe tanzt, da seien die Götter davor.
Überhaupt: Die Götter. Wer wagte es einst, sie zu katalogisieren? Wer gab ihnen ihren Namen, wenn nicht sie selbst? Wenn jemand in der Lage ist, sich selbst zu bezeichnen, dann sind es doch wohl die Götter, oder?
Mein Leben lang begleiteten sie mich, der Mars, Venus und andere am Himmelsgewölbe. Und ich lernte den Spruch der Neun:

Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten.

Das war einfach. Die Anfangsbuchstaben standen da für
Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Neptun, Uranus und zu guter Letzt Pluto (entdeckt 1930). Die von vielen vermutete Lilith war nicht dabei und wurde erst viel später als „Sedna" (erstmals am 14.11.2003 entdeckt und nach der Meeresgöttin der Inuit benannt) - angezweifelt von den großen Wissenschaftlern - dazu gezählt. Da hatten wir für eine kurze Zeit zehn. Abgesehen davon, dass ich weiterhin bezweifle, dass wir schon ALLES entdeckt haben, was war das eigentlich für eine Unordnung. Was heißt denn das überhaupt: Planeten? Wie wollen die Menschen dieses Unfassbare definieren? Was ist das da draußen im weiten Universum und spielt nach der eigenen Musik? Unhörbar für ein Menschenohr? Nur den Göttern zugeneigt?
Wie schon weiter oben erwähnt, muss aber alles seine Ordnung haben. Es langt eben nicht, dass das Universum seine Ordnung hat, in die wir zum Bedauern der einen, zum Trost der anderen, nicht eingreifen KÖNNEN.
Kuckuck noch eins!!! Da muss doch was zu machen sein. Also geht man bei und legt fest:
Ein Planet ist ein Himmelskörper, der in gleichmäßigen Bahnen um die Sonne, also um einen Fixstern kreist.
Kometen oder andere Objekte, die die Weiten des Weltraumes unstet durchmessen und die Fernen erobern, sind deshalb eben keine Planeten. Und Monde erst, diese kleinen Trabanten, haben auch nichts von einem Planeten, weil ihre Bahn sie zwar mitsamt dem Planeten um die Sonne kreisen lässt, aber vorrangig sind sie eben Trabanten ihres Planeten. Wie unsere Mondin, die wir unsere Schwester nennen und die anderswo Großmutter heißt. Ich werde hier jetzt nicht darauf eingehen, dass sie schon verraten und verkauft wurde.

Damit sind die Dinge festgelegt und verständlich. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, diese Festlegung ad absurdum zu führen. Kein Mensch. Kein Mensch würde den auf einer gleichmäßigen Bahn treibenden Asteroidengürtel plötzlich zu einem Planeten machen. Es handelt sich dabei doch eher um Vagabunden im All, ein loser Haufen ohne Gesetze und Regeln. Sie umkreisen die Sonne im Spiel, im Chaos, das vom Anfang bis zum Ende besteht. Vor dem Chaos, das wir mühselig zu ergründen versuchen. Und wollen ihm Regeln auferlegen?  Womöglich bricht plötzlich einer von ihnen aus und begibt sich auf die Suche nach Nrgendwo. Aber der übrige lose Haufen kreist weiter, einer hinter dem anderen. Sie spielen ein Spiel, an dem wir nicht teilhaben sollten. Wir stehen wie Kinder am Rand eines Feldes, auf dem die Erwachsenen sich zu einem wilden groben Spiel zusammen gefunden haben und uns nicht mitspielen lassen, weil es uns schaden würde.
So war die Lage der Dinge. Aber Menschen sind eine komische Spezies. Sie begnügen sich häufig nicht damit, etwas zu bestaunen und mit tiefem Erschauern davor zu stehen. Sie sagen: Untätigkeit ist Stillstand. Und sie meinen damit nicht eine lange Wanderung im Altweiber-Sommer zum Beispiel. Sie meinen damit nicht, dass ihre Hände etwas schaffen, was für das Leben wichtig ist. Ein Haus zu bauen, damit der Winter ihnen nichts anhaben kann. Einem anderen zu helfen, der der Hilfe bedarf. Nein, das meinen sie nicht. Sie meinen damit, ihre Umwelt zu verändern. Sie ist ihnen nicht genug. Sie ist nicht so, wie sie sie wollen. Die Flüsse laufen fehlerhaft und müssen umgelenkt werden. Die Meere haben zu tiefe Gestade und der Fischreichtum hält ewig.
Hier gibt es etwas zu verändern. Es muss doch zu schaffen sein, die Tiere derart zu reduzieren, dass man sie in kleinen Gehegen bestaunen kann. Als Anschauungsunterricht langt das doch allemal.
Bei den Nutztieren muss es doch möglich sein, sie in dem Maße zu züchten, dass man jederzeit genügend Fleisch auf dem Teller hat. Und wer braucht schon den Regenwald? Der Gänsegeier folgt dem Bären in die ewigen Jagdgründe, weil der eine wie der andere sich unbeliebt gemacht haben. Das sind die Pläne, die in den wirren Köpfen einiger, leider maßgeblicher Menschen verankert sind. Diese Liste, die keine Ordnung hat, ließe sich beliebig fortsetzen. Und das Aufzählen nähme kein Ende.

Nun geht es aber nicht alles so, wie diese Pläne vorgegeben sind. Es gibt Zeiten, da funktioniert die Maschinerie nicht. Da funkt die Erde persönlich dazwischen. Oder die Göttinnen und Götter, die das Treiben beobachten. Sie setzten dem mitunter eine Grenze. Dann treten die Gezeiten über die Ufer und wir verstehen die Welt nicht mehr, weil wir das gesamte Chaos gar nicht begreifen.
Die wichtigen Menschen aber, die müssen sich in diesen Zeiten bescheiden und sich anderen Dingen zuwenden. Was sie auch tun. Ob den Göttern das bewusst ist, dass diesen Menschen auch in den Pausen ihrer eigenen Überheblichkeit Gedanken kommen, die alles auf den Kopf stellen?
Hat es vielleicht etwas damit zu tun, dass man Menschen einen solchen Freiraum lässt, dass sie auf irrwitzige Gedanken kommen, nur, weil sie sich ihr Essen nicht mehr mit Pfeil und Bogen oder mit dem mühseligen Sammeln beschaffen müssen? Da ist was dran. Wie sonst hätten sie die Zeit, sich in Klausur oder auf Tagungen zusammen zu setzen und Dinge mit rauchenden Köpfen auszubrüten, die kein Mensch braucht, die den Hunger der Welt nicht stillen und die Kriege nicht verhindern? Aber dafür Geld kassieren? Wie wohl sonst käme jemand auf die Idee, das Universum neu zu ordnen?

Jetzt muss ich die Neun mit einem neuen Merksatz lernen:
Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsinnige Neuigkeiten.
Denn Pluto fehlt jetzt. Er ist nur ein Zwergplanet und gehört somit nicht mehr zu dem erlauchten Kreis der übrigen acht. Und Sedna sowieso. Dafür sind nun zwei Monde keine Monde mehr, sondern Zwergplaneten (Ceres und Charon). Damit ist doch alles in Ordnung, oder? Und der Asteroiden-Gürtel? Was ist mit dem? Na, der bleibt weiterhin ein Asteroiden-Gürtel. Und was hält man auf Pluto von der Erde?
Eine letzte Frage:
Wer bezahlt diese Wissenschaftler eigentlich? WIR!

©Margret Silvester, 27.08.06

 
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