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     Eine Schlucht überwindet man nicht in zwei Sprüngen.

Chinesisches Sprichwort

 
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Donnerstag, 1. Dezember 2011
Liebesgrüße aus der Vergangenheit

Es gibt Dinge, an die denken wir sehr ungern zurück – zum Beispiel an ungeliebte Schulstunden, an das Ende toller Ferien, verkorkste Liebschaften und was sonst noch lieber in der Vergangenheit vergessen und vergraben bleiben soll.
Gegenteilig verhält es sich mit den glückseligen Erinnerungen, die leider ebenso längst vergangen sind. Verklärt und im Positiven auferstanden sind viele Tage unserer Kindheit – gut, nun nicht bei allen Menschen, aber doch bei den meisten.Der Dachboden der Eltern – so es einen gibt und Eltern gegeben hat, die zu den Sammlern und Bewahrern gehörten – beherbergt einen wahren Schatz an Fundstücken, die gesucht und aufgestöbert werden; meist, wenn man etwas anderes sucht. Vor vielen Jahren – unsere Tochter wurde vier Jahre alt – nahm ein Märchenspiel Form an. Es handelt sich dabei um „Peter und der Wolf“ von unserem allseits geschätzten Prokofjew, Sergei Sergejewitsch, der viele schöne Musikstücke geschrieben hat und eines davon ist eben besagtes „Peter und der Wolf“. Dieses Stück wurde viele Male in ganz unterschiedlichen Erarbeitungen veröffentlicht. Beliebt war bei Kindern die Bearbeitung als gesprochenes Märchen mit Musik und Erklärungen der einzelnen Musikinstrumente. Just dieses Stück hatten wir uns als Hintergrundspiel ausgesucht und dazu ein kleines Schattentheater gefertigt. Die Handpuppen – Silhouetten – an dünnen Stäben und in aufwändiger Technik teils sogar beweglich – beherrschten einen weiß bespannten Rahmen, auf dem - ebenfalls in schemenhafter Weise – Baum, Haus, ein Stück Wald, eine Wiese und vor allem eine große geschmiedete Pforte zu sehen waren. Gegen das Licht scharf umrissen. Ich erinnere mich, wie viel Freude wir bei der Erstellung und später bei der Aufführung mit vielen Kindern auf dem Kindergeburtstag hatten. Obwohl die Kinder gerade vorher tobend und kreischend das Haus eroberten und gar nicht genug vom Lärm und Geschrei bekommen konnten – plötzlich waren sie mucksmäuschenstill und saßen vor dem kleinen Theater auf Kissen, die wir auf dem Boden ausgebreitet hatten. Trotz des Alters – das älteste Kind war gerade mal fünf Jahre alt – verfolgten sie gebannt sowohl das Geschehen auf der weißen Bespannung als auch die Erklärungen zu der Musik. Die meisten von ihnen ohne jede Vorgeschichte mit Hang zur Hausmusik, soweit mir bekannt. Zurück blickend kann ich die atemlosen Stimmchen hören: Pass auf, der Wolf kommt!!! Und später: Die Jäger! Die Jäger! Bei den „Schüssen“ hielten die Kinder sich teils die Ohren zu und waren erleichtert, dass der Wolf nicht getroffen wurde und auch kein anderer zu Schaden kam. Das alles ist nun viele Jahre her; die Tochter aus Theatern dieser Art längst heraus gewachsen und wohl auch nicht mehr dafür, dass Wölfe in Zoos eingesperrt werden. Lange hat das Schattentheater ein arg verlottertes Stillleben auf unserem Dachboden geführt. Es kam noch rund ein Dutzend Mal in der Vergangenheit zum Einsatz, aber auch die letzte Aufführung ist schon viele Jahre her. Nun wird es noch einmal eingesetzt und wird den Kindern, die es erleben, hoffentlich genau so gefallen wie unseren damals. Und uns natürlich auch. Es musste einiges daran repariert werden; die ehemals genutzte Kassette gab durch den Wechsel von Feuchtigkeit und Trockenheit keinen Musikgenuss mehr von sich und wurde durch eine neue CD ersetzt, die aber genau so schön ins Ohr geht wie damals die Musik vom Band. Es ist schon ein seltsames Zusammentreffen, dass das Theater gerade jetzt zum Einsatz kommt, genau zu dem Zeitpunkt, an dem der Geburtstag meiner Tochter wieder ansteht. Und da kommen die Wogen und Wellen der Erinnerung heran gerauscht. Teils wiegen sie sich leicht an den Strand und murmeln von den Glücksmomenten mit dem eigenen Kind, in denen alles so wunderbar und vollständig gewesen ist; teils kommen sie als Brandung daher und bringen Erinnerungen mit sich, die mit viel Herzklopfen verbunden waren. Momente der Furcht, wenn das Kind nicht rechtzeitig von der Schule nach Hause kommt; Kinder-Wehwehchen, die damals zu schlimm waren. Andere Wellen wiegen uns in einen süßen Schlaf, der darum weiß: Es ist alles gut gegangen. Und das ist doch die Hauptsache.
Mit diesem Streiflicht möchte ich alle Eltern grüßen, die in der einen oder anderen Phase ihres Eltern-Daseins unter Umständen zweifeln, ob sie alles richtig gemacht haben. Sie haben. Denn keiner von uns ist vollkommen und wenn wir in den Spiegel der Augen unserer Kinder sehen, wissen wir.
In diesem Sinn: Eine wunderbare Winterzeit und alles Gute für Eltern und Kinder.
Hamburg, am 2. Dezember 2011
 
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