Hamburgs Wege, insbesondere die für Zweiräder Hamburg ist so wunderschön, so voller Superlative und Besonderheiten; hier toben täglich Winde und teilen die Menschen dieser...
„Demokratie, das ist die Kunst, sich an die Stelle des Volkes zu setzen und ihm feierlich in seinem Namen, aber zum Vorteil einiger guter Hirten, die Wolle abzuscheren." Romain Rolland, 1866 bis 1944, Nobelpreis für Literatur.
Jaden
Donnerstag, 19. Mai 2011
Markttag
Es ist
mal wieder soweit und ich muss meinem Herzen Luft machen. Ich bin
sicher berufsgeschädigt und froh, seit neuestem Angelegenheiten wie den folgend beschriebenen entfliehen zu können, aber eben leider nicht immer.
Denn ich bin auch privat unterwegs und habe meine Augen (und Ohren)
offen.
Viele
Menschen sind beladen, hier und anderswo. Anderswo sicher zur Zeit
mehr, wenn man die ganzen Kriegsschauplätze und die Länder mit
Naturkatastrophen plus dem menschgemachten Schreckens-Szenario an- und nicht
wegschaut. Aber zum Hin- und wegschauen braucht man nur im eigenen
Viertel zu lustwandeln oder in wichtigen Geschäften wie dem
wöchentlichen Einkauf unterwegs zu sein.
So wie
ich heute Morgen. Nach einem abgehandelten Termin suchte ich den
Platz auf, der sich langsam nach einer groben Umgestaltung wieder
belebt. An Donnerstagen herrscht reger Betrieb. Es ist Markttag und
eine Marktgasse, von Buden und Zelten gesäumt, empfängt die ersten
Besucher. Der Platz füllt sich nach und nach. Angrenzend gibt es
ein paar Cafés, die - weil es heute nicht regnet - auch draußen
an den Freiluft-Tischen schon gut besetzt sind.
Eine
junge Frau mit einem bis hierher duftenden Becher Kaffee vor sich,
eine Zigarette in der Hand, Ellbogen aufgestützt, an der Seite eine
Kinderkarre - leer! - hat sich gegenüber einer älteren Dame mit ebensolchen Attributen - außer der Karre, versteht sich an einem der äußeren kleinen Tische niedergelassen.
Die Beiden
unterhalten sich rege. Nach ein paar Minuten, während derer ich
meinem Bäcker zusteuere, gellt ein Schrei in mein Ohr, von besagter
junger Frau ausgestoßen.
„Jaden!!!"
Gellt es über den Platz. Und noch einmal „Jaden!"
Die
Stimme ist astrein ausgebildet, derart laut zu werden. Ansonsten
rührt sich nix an ihr, ahh, doch ein wenig! Die Zigarette ist in die
andere Hand gewandert und der Kopf hat sich etwas angehoben, vom
aufgestützten Handballen weg. Diese Bewegung allein reichte aus, um
eine kleine Nuckelflasche, angefüllt mit einer hellen Flüssigkeit,
vom Tisch auf den Boden zu verbringen. Die Frau flucht und - während sie aus den Tiefen neben dem Tisch noch
einmal „Jaden!" ruft - greift nach dem Fläschchen, um es wieder korrekt auf die Tischplatte zu stellen.
Berufener
Jaden - ja, wo war er eigentlich? Denn ich ordnete den Namen einem
Kind zu, einem kleinen, das die Karre nicht mehr unbedingt brauchte
und nun auf eigenen Beinen unterwegs ist.
Das Kind
indessen konnte ich nirgends ausmachen.
Nun
hörte ich die Ältere sprechen.
„Er
soll doch nicht immer allein so weit weglaufen."
„Jaden!" ertönte noch einmal der schrille hohe laute Schrei der jungen Frau.
Ich rate jetzt mal so drauf los: Es handelt sich bei der jungen Frau
vermutlich um die Mutter des vielgerufenen Jaden. Ob sie deshalb so
laut ruft, weil sie weiß, dass der Name in
der Übersetzung aus dem Häbrischen „Gott hat gehört" lautet? Oder hat sie bei der
Namensgebung die Tennisgöttin Steffi Graf bedacht, deren Erstgeborener, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, ebenso heißt?
Nun sehe
ich fern am Markt auf wackeligen Beinchen einen kleinen Menschen
daher kommen. Weit weg ist er und zwischen den Menschenmassen der
Marktbesucher kaum auszumachen.
Aber
seine Mutter hat ihn erspäht und ruft von ihrem Kaffeehaus-Tisch aus
ihn schon vorsichtshalber zur Ordnung.
„Du
sollst nicht immer so weit allein weglaufen. Jaden! Komm her!"
Es macht
mich persönlich nervös, dass sie ihre vier Buchstaben noch nicht
einmal gelüftet hat. Liegt es am großen Vertrauen, das sie in ihr
Kind setzt? Ist es ein Ritual, dem sie täglich nachgehen? Er läuft
weg, sie ruft ihn und er kommt zurück? Ein kleines Bürschchen, blass und mager, hat den Zielort erreicht. Ich atme
auf. Sicher angekommen. Der Dialog Mutter-Kind ist damit aber auch schon abgeschlossen. Keine Begrüßung, kein In-den-Arm-nehmen. Die Mutter wendet sich wieder
ihrer Gesprächspartnerin zu, Jaden ist einmal mehr unterwegs und hat
jetzt eine Treppe im Visier, die zu einer vielbefahrenen Straße
führt. Schon hat er sie zur Hälfte erklommen. Immerhin hat auch die Mutter das sofort erkannt.
„Jaden!
Nicht da rauf!"
Es kann
sein, dass das Ritual nun nicht mehr stimmt, denn Jaden kümmert sich
nicht um die Stimme seiner Ruferin weiter unten. Er steigt weiter.
Sie ruft weiter. Nun hat er die oberste Stufe erreicht und läuft zur
Straße.
Die
Mutter? Bleibt auf ihrem Allerwertesten sitzen und ich überlege, ob
ich mich kümmern soll. Nein, ein älterer Herr oben an der Straße
hat den Knaben kurz vor dem Einstieg in die Fluten des vorbeirasenden
Verkehrs gepackt und zur Treppe zurück geführt. Er bringt ihn, den
Jaden, der jetzt heftig protestiert, an den unteren Absatz zurück.
Was wird die Mutter nun tun?
„Lassen
Sie sofort mein Kind los!" schreit sie und alles dreht sich um.
Müsste sie nicht „Danke" oder sowas von sich geben? Spielt sie
mit der Gefahr und benötigt womöglich in ihrem grauen Alltag einen
kleinen Nervenkitzel? Auch jetzt ist ihr der Kaffee wichtiger. Sie
ekelt sich, als sie davon trinkt und bemerkt, dass er kalt geworden
ist. Die eben ausgedrückte Zigarette wird von der nächsten ersetzt
und sie selbst rührt sich nicht von der Stelle. Auch die Ältere
nicht, könnte altersmäßig die Oma des Kleinen sein.
Dann hat
das Verhalten vielleicht Tradition.
Und
Jaden ist schon wieder auf und davon. Nicht mehr zu sehen. Aber der
Ruf nach ihm gellt weiter durch die morgendliche Marktlandschaft.
Irgendwann.......
irgendwann lass ich es nicht beim Zuschauen bewenden.