Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und vor allem nicht über den unterschiedlichen Geschmack von Müttern und Töchtern. Gestern auf der Eppendorfer Landstraße : Ich...
Idealist sein heißt Kraft haben für andere. Novalis 1772-1801
Welt am Draht
Mittwoch, 1. September 2010
Mobile - die Dritte
Heute war ich in der unglücklichen
Lage, längere Zeit in einer Arztpraxis zubringen zu müssen. Das ist
meist ziemlich unerfreulich - wegen der verlorenen Zeit - und auch
manchmal unerträglich - wegen der Praxisgerüche und anderer
Begleiterscheinungen, zudem kann es auch über Strecken sehr
langweilig sein, weshalb ich mir Lesestoff von daheim mitbringe.
Ich saß also lesend und wartend, nahm
um mich herum dann und wann Wortfetzen auf; von der Rezeption Ansagen
und mitunter auch die Stimme eines Arztes, der etwas oder jemanden
rief. Türen gingen auf und wieder zu und neue Patienten füllten das
Wartezimmer.
Neben mir ließ sich ein anderer
Besucher der Praxis nieder, den ich nur so kurz aus dem Augenwinkel
ansah (ich war ja in mein Buch vertieft).
Allerdings konnte ich mich kurze Zeit
später nicht mehr wirklich auf die im Buch fortlaufende Handlung
konzentrieren, denn der Mann neben mir raschelte unaufhörlich mit
Papier und irgendwann nahm ich ihn näher in Augenschein. Ein
Enddreißiger, vermutete ich, im brillant sitzenden dunkelblauen
Anzug, helles Hemd darunter, ein Schlips, dessen Knoten er nun gerade
gerade rückte. In seinem Ohr steckte das für wichtige Menschen ganz
wichtige Knöpfchen, mit welchem man am anderen Ohr hing, am Ohr der
Welt, um genau zu sein. Ein feines Kabel pendelte leicht und suchte
sich seinen Weg in das Revers der Anzugjacke, wo es verschwand und
sicher eine Allianz mit einer winzigen Apparatur einging, die die
Möglichkeit, das Ohr der Welt zu empfangen, ermöglichte. Auf dem
Schoß des sonnengebräunten Geschäftigen ruhte ein heller lederner
Aktenkoffer vom Feinsten, der aufgeklappt war und eine Reihe von
Folien sichtbar werden ließ. Diese Folien wurden nun in einer sich
mir nicht erschließenden Logik sortiert, umsortiert und wieder
zurück sortiert. Aber es war sicher ganz wichtig, dieses Sortieren
und wer bin ich denn, dass ich darüber zu befinden habe, welche
Wichtigkeiten anderen Menschen wichtig sind? Nachdem ich eine Weile
geschaut und gestaunt hatte, wie oft Folien ihren Inhalt wechseln
können, versuchte ich, meine Konzentration wieder in mein Buch zu
versenken. Ich gebe zu, es ist nicht die spannendste Lektüre, die
ich mir zum Arztbesuch mitgenommen hatte. Deshalb und nur deshalb ist
es vielleicht erklärlich, dass ich beim ersten „Halllloooo-o!"
meines Nachbarn wieder ganz ihm zugewandt war. In Praxen treffen ja
die merkwürdigsten Menschen aufeinander und kommen ins Gespräch.
Vielleicht war er mit dem Sortieren fertig und deshalb nicht mehr so
gestresst und ausgefüllt und er sehnte sich nach Unterhaltung? Ich
lächelte ihn an und bemerkte sofort, dass er nicht mit mir sondern
mit dem Ohr an der Welt redete. Ja, ich bin lernfähig. Hab ich
früher einen Dialog gebraucht, um festzustellen, dass mein Gegenüber
oder Nachbar nicht mich, sondern einen Gesprächspartner in Form von
„Knopf-im-Ohr" beglückte, wusste ich es schon nur vom
nochmaligen Hinhören. Ha!
Er redete also mit jemandem, den er
vermutlich kannte. Er erzählte dem, wo er gerade sei und was er am
Abend vorher so alles getrieben habe. Interessant! Die Großmutter
von Inga sei verstorben und das wäre doch ein Glück, weil Inga nun
etwas erben würde. Sie sei das einzige Enkelkind. Was du nicht
sagst. Der also auch. Der war doch noch gar nicht so alt.
Und schon waren sie bei allen möglichen
sterblichen Überresten der Verwandt- und Freundschaft angekommen. Es
nahm kein Ende. Ich erfuhr auch, wer wann eine Trauerrede gehalten
hat und weshalb kein Pastor dort in der Nähe war. Dann gab er seine
eigenen Wünsche preis, die nach seinem Tod doch gefälligst
umgesetzt werden sollten.
Das Gespräch nahm einen langweiligen
Verlauf, als es dabei um die möglichen Kosten ging. Finanzen anderer
Leute haben mich noch nie interessiert. Und es wird schon nicht so
schlimm werden, wo doch Inga jetzt was erbt.
Nach Ende des Gesprächs nahm der
Mensch das Sortieren wieder auf. Und plötzlich, ich war wirklich
wieder in die Handlung meines Romans vertieft, schrie er neben mir in
mein Ohr:
„Ich bins. Auch Georg. Aber Georg
Konradi.
Stell dir vor, ich bin in Hamburg. Noch bis morgen Abend. Ich bin
grad in der Praxis Sowienoch, hab gleich einen Termin mit dem
Professor. Mein Zug geht morgen um 5., hahaha, 17 Uhr, natürlich.
Bis dahin hab ich noch jede Menge Termine. Aber wäre doch schön,
wenn wir uns auf eine Tasse Kaffee treffen könnten. So ein, zwei
Stunden vor Abfahrt. Haben uns so lange nicht gesehen. Aber du
siehst, ich habs dir versprochen. Wenn ich in Hamburg bin, denke ich
an dich. Und hier bin ich. Wo bist du?"
Bis hier hatte er keine einzige Pause
gelassen. Ich dachte noch, dass sein armer Gesprächspartner gar
nicht zu Wort kommt, aber das musste er auch nicht. Im weiteren
Verlauf war klar, dass der gar nicht zu Hause war und dort ein AB
lief.
„Du bist womöglich im Ausland. Also,
ich sag dir was: Heute hab ich um 2 Uhr - äh, 14 Uhr - einen
Termin bei Wehmuth. Tut mir leid, ich hab diese europäischen
Uhrzeiten noch nicht wieder so drauf. Da muss ich dem Buchhalter die
Leviten lesen. Und um 16 Uhr hab ich schon den nächsten Termin. Dann
gibt's heute Abend ein Geschäftsessen der ganz großen Liga mit
den Kreuzers samt Anhang. Hab ich gar keine Lust, aber was muss, das
muss. Ich kann dir sagen, das sind vielleicht ein paar Pfeifen.
Morgen Früh geht es früh raus. Da bin ich zum Joggen mit Ernestine
verabredet, vielleicht sagt dir der Name nichts, aber ich sage dir,
das ist ein Früchtchen. Aber ein süßes. Hahahaha! Ich schaff das
noch, so ein, zwei Dinge hier in Hamburg auf die Reihe zu bringen und
dann sehen wir uns. Ruf mal zurück. Melde dich in jedem Fall. Du
erreichst mich entweder im „Hotel Reichshof" oder unter meiner
Handy-Nummer 017612......(aus Datenschutzgründen gebe ich die
hier jetzt nicht total wieder, obwohl ich sie sofort behalten hatte; und wir regen uns über google auf!!!). Also, mein Lieber,
denk daran, hier ist der andere Georg. Ich grüße dich."
Ende der Sabbelei.
Mal im Ernst: Erzählen Sie solche
Sachen, wenn andere zuhören?
Ich war heilfroh, dass ich vom Arzt ins
Sprechzimmer gerufen wurde, denn er fing schon wieder mit dem
Sortieren an......
Mobile - die Vierte
Es muss an mir liegen. Ich bin nicht
von dieser Welt. Kurze Zeit nach dem Arztbesuch radelte ich über
eine unserer schönen Alsterbrücken. Als es bergauf ging, stieg ich
vom Rad und schlenderte weiter. Die Sonne schien, auf der Alster
waren Boote unterwegs. Jeder genoss es, dass es heute nicht regnete.
Auf den Uferwiesen spielten Kinder und es lag einfach eine wunderbare
Heiterkeit über allem. Hinter mir spazierte ein Paar, eingehakt und
mit einem Hund an der Leine. Ich blieb stehe, machte eine kleine
Pause, um das Um-mich-herum auf mich wirken zu lassen. Eine kleine
Meditation, sozusagen. Ich lehnte mich über das Brückengeländer.
War dieser Moment nicht einfach phantastisch? Ruhig, beschaulich,
aber auch wieder mit Tönen gefüllt, die eine ganz eigene Melodie
durch den Tag trugen. Das fließende Wasser unter mir, zwei, drei
Kanus und ein Mehrsitzer, die Sonnenflecken tanzten auf der dunklen
Oberfläche und ließen silbrige Linien zurück, ein Fischlein
sprang, und ein paar Enten nebst Schwänen suchten die Ufer nach den
unbelehrbaren Fütterern ab.
Das Paar war auch näher gekommen.
Plötzlich schrie sie auf: „Nein, wie phantastisch. Das ist so
geil. Ich glaub es nicht."
Ah, dachte ich, eine gleichgesinnte
Naturverbündete. Der Mann an ihrer Seite sagte nichts. Ich drehte
mich lächelnd zu ihnen um, weil sie noch einmal ausrief, wie toll es
sei. Leider hatte auch sie einen Stöpsel im
Ohr und ihre Ausrufe galten mitnichten der umgebenden Schönheit
unserer wunderbaren Stadt, sondern irgendeiner lapidaren Erzählung
aus dem Knopf am Kopf.
Ich schob mein Rad weiter und nahm dann
wieder Fahrt auf. An der nächsten Brücke, einer hölzernen am
Alsterufer, die vor einigen Jahren restauriert worden war und jetzt
eine gewisse Steigung hat, bin ich dann wieder abgestiegen. Ich nahm
eine weitere Mütze voll des Guten und eine Auszeit von der üblichen Hektik, in die wir so leicht verfallen, selbst, wenn wir keine Termine haben. Ich schaute auf das Wasser und
mein Interesse galt nun ein paar Sportlern, die einer bisher von mir
noch nie gesehenen Sportart nachgingen. Sie standen auf Brettern, die
den Surfbrettern ähnelten und bewegten sich mit Hilfe einer Mischung
aus Paddel und Stakstange vorwärts. Es sah tatsächlich etwas
skurril aus. Ich überlegte, was sie wohl machen würden, wenn das
Stehen ihre Beine müde werden lässt. Hinter mir kam auch das Paar
von vorhin auf die Brücke. Sie - Hand am Ohr - redete wie ein Wasserfall mit einem
imaginären Gesprächspartner, der Hund trottete seines Weges, soweit
es die Leine zuließ und der Mann redete - auch Hand am Ohr - mit jemand anderem - oder
auch nicht? Wer weiß, vielleicht hatten sie beide auch diese Art von
Kommunikation für sich entdeckt, weil das manchmal leichter ist,
wenn man es nicht mehr von Angesicht zu Angesicht kann?Aber ich glaube eher, dass sie die
Zeichen der Zeit nutzen. Sie müssen nicht mehr miteinander reden,
sie müssen auch nicht mehr mit dem Hund reden - nein, sie können
mit „der Welt am Draht
" sprechen, wann immer ihnen danach ist. Und was macht es da schon,
wenn sie die schöne Alster, den wunderbaren Sonnentag, skurrile
Stehpaddler, die grünen Wiesen und ihren Hund nicht mehr beachten. Alles
unwichtig.