Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und vor allem nicht über den unterschiedlichen Geschmack von Müttern und Töchtern. Gestern auf der Eppendorfer Landstraße : Ich...
Die Entscheidung, ein Kind zu haben, ist von großer Tragweite.
Denn man beschließt für alle Zeit, dass das
eigene Herz außerhalb des eigenen Körpers herumläuft.
ELISABETH STONE
Kyrillisch
Dienstag, 8. Juni 2010
Sprechen
Sie Rumänisch?
Eine der
kurzweiligsten Geschichten von Ephraim Kishon ist so übertitelt. Zur
weiteren Abhandlung könnte sie auch lauten: Sprechen Sie kyrillisch?
Natürlich nicht. Denn Kyrillisch ist ein Alfabet und keine Sprache
und wird bei weitem nicht nur für Russisch genutzt. Aber es hört
sich doch so an, als könne man sagen: Sprechen Sie Kyrillisch? Oder?
Ich für
meinen Teil spreche es weder, noch kann ich es lesen; partiell
vielleicht. Also im Vorfeld meiner Reise nach Sankt Petersburg habe
ich schon einige der Zeichen gelernt. Nur - genützt hat es mir
nix. Denn das Buchstabieren der fremden Zeichen und das
Zusammensetzen zu einem Wort brachte in den seltensten Fällen
Erkenntnis der Bedeutung. Wie sollte es auch?
Immerhin
konnte ich einiges aussprechen und dann Leute auf der Straße fragen.
Sie konnten mir aber leider nicht antworten, weil sie mich dennoch
nicht verstanden haben. Ich frage mich, wieso die in Sankt Petersburg
lebenden Russen nicht Russisch sprechen können. Wahrscheinlich waren
sie alle keine Russen, sondern kamen von ganz weit woanders her und
deshalb sahen sie mich mit großen Augen an, hoben die Schultern,
wackelten mit den Köpfen.
Ich bin
dann zum Englischen gewechselt und habe gefragt:
„Do
you speak english?"
Das
Wackeln der Köpfe in Links- und Rechts-Drehungen nahm zu, aber
manchmal erhellten sich die Gesichter und sie nickten statt dessen.
Und dann holten sie jemanden herbei, der auch kein Englisch sprach,
aber auch nickte, und der holte dann jemanden herbei, der auf die
Frage nach seinen Englisch-Kenntnissen immerhin antwortete: „Yes,
little." Genau. Das war es schon. Dabei lächelte er mich
freundlich an.
Freunde
hatten mir geraten, immer die jüngeren Leute anzusprechen, die
hätten alle Englisch gelernt. Bis auf die, die es nicht haben. Und
davon lernte ich eine Menge kennen.
Aber ich
betone es auch hier in Deutschland immer wieder: Der Mensch ist nix
im Lande mit einer fremden Sprache. Ich selbst rate jedem Migranten
zu fortlaufender Übung und zu Deutschkursen. Wie schnell ist ein
Malheur geschehen und es kommt zu Missverständnissen wie in der
Bahnhofshalle, in der ich nach erfolglosen Versuchen anderer Orte
nach einer „Einmal-Kamera" fahndete; so einer, die man einfach
zum Entwickeln bringt und dann hat man die Bilder, aber keine Kamera
mehr. Der Grund war einfach. Ich hatte mal wieder zu schnell und zu
hastig meine Filme beladen und nun gab es immer noch Motive, aber
kein leeres Bild mehr, was man hätte belichten können.
In
früheren Urlauben war in diesem Fall immer so eine Wegwerf-Kamera
die Notlösung. Die macht zwar keine technisch und fotografisch
einwandfreien Bilder, aber für Erinnerungszwecke und zum Füllen der
Reise-Tagebuch-Seiten langt es allemal.
Ich habe
also in dieser Bahnhofshalle, die angeblich über ein „Magazin" -
also einen Verkaufsladen mit allerhand Ware unterschiedlichster
Zwecke - verfügen sollte, diverse Menschen angesprochen und meinen
Satz vorgetragen - den mit dem Englisch. Ich habe Hände und Füße
zur Hilfe genommen und versucht, mich mit Zeichen verständlich zu
machen. Ich habe ein Auge zusammengekniffen und mit einem kleinen
Wink des gekrümmten Zeigefingers der rechten Hand über dem offenen
Auge und dem Lippengespitzen Ton „Klick" versucht, meinem
jeweiligen Gegenüber mein Begehren klar zu machen. Die Folge war
unterschiedlicher Natur. Das Zusammenkneifen des Auges legte einer
als ein Zwinkern aus und folgte mir danach eine Weile. Ein anderer
missverstand die Geste mit dem Zeigefinger und wollte mir eine
Augenarzt-Praxis vermitteln. Eine ältere Dame antwortete mir auf
Französisch, auch da bin ich nicht so gut. Ich kann zwar nach einem
freien Zimmer in einem Hotel fragen, aber wenn mir jemand auf
Französisch antwortet, kann ich diesem Redeschwall von weggelassenen
Buchstaben nicht folgen.
Schließlich
kam noch ein Bahnhofsbesucher, der einigermaßen Englisch sprach. Er
verwies mich an die Oberstadt (also die 100 m lange Rolltreppe wieder
rauf und dann rechts ab). Dort sei ein Geschäft mit ganz vielen
Fotos.
Hoffnung
schöpfend nahm ich dann diesen Weg und fand mich kurze Zeit später
vor einem Ladengeschäft, dessen untere Fensterscheiben alle mit
Pappe zugeklebt waren. Nur im Eingang prangte ein großes
Schwarz-Weiß-Foto, unverkennbar ein Werbeplakat für Film und Foto
mit dem Schriftzug einer sehr bekannten Kamera-Marke versehen. Also
trat ich ein und sah mich am Ziel meiner Begierde. Regal um Regal gab
es Video-Kameras, Fotoapparate, Handys, iphones und dergleichen. Ich
trug meine Bitte nach einer Einweg-Kamera vor. Kopfschütteln.
Spricht jemand Englisch? Oh ja, es sprach jemand. Ein schlaksiger
junger Mann mit einem langen dünnen Hals (was nichts zur Sache tut
und nur der Ausschmückung dieses Berichts dient), gekleidet in ein
buntes gestreiftes Hemd, dunkle Hose, die ständig zu rutschen
drohte, weil der junge Mann zu den Menschen gehörte, die
augenscheinlich entweder nichts essen oder eben von Natur sehr sehr
mager sind, also dieser junge Mann ließ mich nun erklären, was ich
benötige. Seine Augen wurden immer größer und seine Wangen färbten
sich etwas rot. Dann sagte er zu mir, dass dieses Geschäft ein
seriöses sei und sie dergleichen nicht hätten. Einmal-Kamera
unseriös? Wieso? Ich wagte nicht, diese Frage zu vertiefen und
verließ den Laden.
Als der
nächste Passant mich wieder an das „Magazin" im Bahnhof verwies,
gab ich auf.
Um es
kurz zu machen: Ich bin nicht fündig geworden. Im ganzen Umkreis des
Wassilji-Prospekts nicht. Schade eigentlich. Ich hätte gern noch die
Smolenka und die Läden an der Metro fotografiert.