Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und vor allem nicht über den unterschiedlichen Geschmack von Müttern und Töchtern. Gestern auf der Eppendorfer Landstraße : Ich...
Die Menschheit lässt sich leicht in zwei Kategorien einteilen:
Katzenliebhaber und vom Leben Benachteiligte. Francesco Petrarca
Vom Hasen und seinen Broten
Sonntag, 11. April 2010
Vom
Hasenbrot und anderen Erinnerungen
Skurrile
Geschichten ranken sich um Kindheitserinnerungen und wer mehr
aufbieten kann, gewinnt. Wie der Großvater, der seinen Harzer Käse
ein paar Tage in der Tasche mit sich herum trug, um ihm zur nötigen
Reifung zu verhelfen. Wehe, die Tasche wurde von einer fürsorglichen
Hausfrau zu früh geleert und gesäubert.
Vieles,
was mir heute aus meiner Kindheit sauer auf stößt, möchte ich um
keinen Preis der Welt wieder erleben/tun/sehen müssen. Es gibt
jedoch ein paar Dinge, die spülen Wärme und Geborgenheit hoch,
egal, wie alles andere ausgesehen hat.
Wenn
ich die Liste dieser Dinge aufzähle, ist sie recht kurz.
Spaziergänge an der Elbe, mit den Füßen im Wasser und dem Kopf im
frischen Nordwest; der Rosengarten, der fast ein Erbe geworden wäre;
Blankeneses Treppenviertel - hier werden wir mal wohnen, sagte
mein Vater.
Seine
kommunikative Art mit anderen Spaziergängern, die ihm fast sofort
hingegeben lauschten, wenn er von seiner Zeit in Südamerika
erzählte.
Er
griff zu einem Stöckchen und malte Grundrisse in den Sand. Seine
Leidenschaft für Architektur erstreckte sich eben nicht auf
Papier, sondern auf alles, was sich bemalen ließ. Der Traum von
einem schlossähnlichen Zuhause für sich und seine Familie -
unbedingt mit einem Turmzimmer - ließ ihn bis zu seinem Ende nicht
mehr los und wurde zu einer alles andere ins Abseits stellenden
Freizeitgestaltung, die ihn die Nächte wach hielt und am Tage
durch die Gegend irren ließ, um Häuser - auch von innen -
anzusehen.
Er
klingelte an fremden Türen und wurde in der Tat sofort eingelassen.
Es gab Tage, da vergaß er, dass draußen seine Frau und mindestens
ein Kind warteten, um den Weg fortzusetzen. Wenn es dann dort drinnen auch noch
einen feinen Weinbrand gab, sahen wir ihn Stunden nicht
wieder.
Von
unterwegs brachte er irgendeine Nascherei mit. Hast du
mir was mitgebracht? Ihn an der Haustür empfangend und dies heraus
geschrien, atemlos vor Aufregung. Welche Enttäuschung, wenn die
Taschen leer waren.
Manchmal
hatte er zwar keine Naschereien bei sich, aber Hasenbrot. Die Kinder,
die heute von ihren Eltern ein paar Euro erhalten und sich Fastfood
kaufen, werden dies nicht kennen. Das Hasenbrot war das, was vom
Frühstücksbrot übrig geblieben war. Eingewickelt in dünnes
Pergament, die Rinde hart, an den Seiten durch die erfolgte Austrockung des
stundenlangen Eingepacktseins hochgerollt und in der Mitte von
Margarine, Leberwurst oder anderem völlig durchweicht, hatte es
einen unvergleichlichen Geschmack für uns Kinder und wir stritten
uns ums allerkleinste Stück. Es schmeckte uns besser als jedes frisch
geschmierte Brot. Ob das nun daran lag, dass der Vater es mitbrachte,
am oft nagenden Hunger oder an dem Durchgeweichten, ich weiß es nicht mehr.
Heute,
beim Frühstück, kramten wir diese Erinnerung aus und konnten es
nicht so recht begreifen. Heute, wo das Brot immer frisch ist, wo der
Harzer Käse von vielen verschmäht wird und obendrein vom Preis her
in die Luxusklasse gehört, landen schon frische Schulbrote im
Papierkorb. Ich vermute, dass es kaum ein Kind geben wird, was sich
über ein Mitbringsel wie das Hasenbrot freut. Zumindest nicht in
unseren Breiten, in denen trotz der Finanzenkrise die Müllberge in
den Himmel wachsen, weil die Dinge, die den Weg alles Irdischen
gehen, heute gekauft sind und morgen nichts mehr taugen. Heute
trinken wir einen Schnaps auf den vollen Magen, weil uns danach ist und nicht, weil das
Essen leicht verschimmelt war. Sollte dies so sein, tun wir es weg, weil es einfach ungesund ist.
Aber
es gibt auch bald keine Hasen mehr, die dem Brot da oben ihren Namen
gegeben haben. Ob es einen Zusammenhang zwischen der reduzierten
Flora und Fauna und dem verschwundenen Hasenbrot gibt?
In das Blankeneser Treppenviertel sind wir übrigens nie gezogen.