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Vom Hasen und seinen Broten PDF Drucken E-Mail
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Sonntag, 11. April 2010

Vom Hasenbrot und anderen Erinnerungen

Skurrile Geschichten ranken sich um Kindheitserinnerungen und wer mehr aufbieten kann, gewinnt. Wie der Großvater, der seinen Harzer Käse ein paar Tage in der Tasche mit sich herum trug, um ihm zur nötigen Reifung zu verhelfen. Wehe, die Tasche wurde von einer fürsorglichen Hausfrau zu früh geleert und gesäubert.

Vieles, was mir heute aus meiner Kindheit sauer auf stößt, möchte ich um keinen Preis der Welt wieder erleben/tun/sehen müssen. Es gibt jedoch ein paar Dinge, die spülen Wärme und Geborgenheit hoch, egal, wie alles andere ausgesehen hat.

Wenn ich die Liste dieser Dinge aufzähle, ist sie recht kurz. Spaziergänge an der Elbe, mit den Füßen im Wasser und dem Kopf im frischen Nordwest; der Rosengarten, der fast ein Erbe geworden wäre; Blankeneses Treppenviertel - hier werden wir mal wohnen, sagte mein Vater.

Seine kommunikative Art mit anderen Spaziergängern, die ihm fast sofort hingegeben lauschten, wenn er von seiner Zeit in Südamerika erzählte.

Er griff zu einem Stöckchen und malte Grundrisse in den Sand. Seine Leidenschaft für Architektur erstreckte sich eben nicht auf Papier, sondern auf alles, was sich bemalen ließ. Der Traum von einem schlossähnlichen Zuhause für sich und seine Familie - unbedingt mit einem Turmzimmer - ließ ihn bis zu seinem Ende nicht mehr los und wurde zu einer alles andere ins Abseits stellenden Freizeitgestaltung, die ihn die Nächte wach hielt und am Tage durch die Gegend irren ließ, um Häuser - auch von innen - anzusehen. Er klingelte an fremden Türen und wurde in der Tat sofort eingelassen. Es gab Tage, da vergaß er, dass draußen seine Frau und mindestens ein Kind warteten, um den Weg fortzusetzen. Wenn es dann dort drinnen auch noch einen feinen Weinbrand gab, sahen wir ihn Stunden nicht wieder.

Von unterwegs brachte er irgendeine Nascherei mit. Hast du mir was mitgebracht? Ihn an der Haustür empfangend und dies heraus geschrien, atemlos vor Aufregung. Welche Enttäuschung, wenn die Taschen leer waren.

Manchmal hatte er zwar keine Naschereien bei sich, aber Hasenbrot. Die Kinder, die heute von ihren Eltern ein paar Euro erhalten und sich Fastfood kaufen, werden dies nicht kennen. Das Hasenbrot war das, was vom Frühstücksbrot übrig geblieben war. Eingewickelt in dünnes Pergament, die Rinde hart, an den Seiten durch die erfolgte Austrockung des stundenlangen Eingepacktseins hochgerollt und in der Mitte von Margarine, Leberwurst oder anderem völlig durchweicht, hatte es einen unvergleichlichen Geschmack für uns Kinder und wir stritten uns ums allerkleinste Stück. Es schmeckte uns besser als jedes frisch geschmierte Brot. Ob das nun daran lag, dass der Vater es mitbrachte, am oft nagenden Hunger oder an dem Durchgeweichten, ich weiß es nicht mehr.

Heute, beim Frühstück, kramten wir diese Erinnerung aus und konnten es nicht so recht begreifen. Heute, wo das Brot immer frisch ist, wo der Harzer Käse von vielen verschmäht wird und obendrein vom Preis her in die Luxusklasse gehört, landen schon frische Schulbrote im Papierkorb. Ich vermute, dass es kaum ein Kind geben wird, was sich über ein Mitbringsel wie das Hasenbrot freut. Zumindest nicht in unseren Breiten, in denen trotz der Finanzenkrise die Müllberge in den Himmel wachsen, weil die Dinge, die den Weg alles Irdischen gehen, heute gekauft sind und morgen nichts mehr taugen.
Heute trinken wir einen Schnaps auf den vollen Magen, weil uns danach ist und nicht, weil das Essen leicht verschimmelt war. Sollte dies so sein, tun wir es weg, weil es einfach ungesund ist.

Aber es gibt auch bald keine Hasen mehr, die dem Brot da oben ihren Namen gegeben haben. Ob es einen Zusammenhang zwischen der reduzierten Flora und Fauna und dem verschwundenen Hasenbrot gibt?

In das Blankeneser Treppenviertel sind wir übrigens nie gezogen.

 


©Margret Silvester, April 2010

 

 
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