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Ostern - aber nicht nur PDF Drucken E-Mail
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Freitag, 2. April 2010

Kohlhiesels Cappuccino

Die alte Bauernregel, dass die hübsche Tochter erst heiraten darf, wenn die hässliche unter der Haube ist, findet ihre Anwendung heutzutage in ganz anderen Regionen.

Die Aufforderung an das Kind, welches keinen Nachtisch bekommt, wenn es die Suppe nicht auslöffelt, die ihm die Eltern eingebrockt haben, ist harmlos gegen das, was uns die freie Marktwirtschaft heute aufzwingt.

Lustig ist es vielleicht noch, wenn die Kellnerin im Restaurant dich darauf hinweist, dass du erstmal aufessen sollst, bevor du die Karte neu anforderst, aber was einem im schlechtgeführten Supermarkt an der Ecke geboten wird, lässt mich doch sehr an meiner Eigenständigkeit als Kundin und an Angebot und Nachfrage der freien Marktwirtschaft zweifeln.

Um zur Sache zu kommen: Beim notwendigen Einkauf gibt es nicht alles in den kleinen netten Läden meines Viertels, einiges muss ich auch im Supermarkt erstehen.

So wie diese Sorte Cappuccino, genau diese eine Sorte von Cappuccino mit dem Schokogeschmack, die mein Mann ausschließlich trinken möchte. Sie gibt es nur und ausschließlich in diesem einen Supermarkt (in den Filialen der Kette sicher auch, aber die liegen eben nicht auf dem Nachhause-Weg).
Also schiebe ich vergnügt und durchaus zielstrebig mit meinem Einkaufswagen in den Gang, in dem ich dieses Getränk in löslicher Form vorhanden weiß. Ich kaufe es dort seit Jahren. In etwa zweimal wöchentlich. Immer die 500g-Dose. Da sie nicht besonders sparsam im Gebrauch ist, leert sie sich schnell und muss nachgekauft werden. Seit Jahren - wie gesagt - gehe ich zu dem bestimmten Regal, greife mir eine der Dosen - das geht ganz automatisch - und lege sie in meinem Einkaufswagen. Es handelt sich offenbar um ein Produkt, welches gern gekauft wird, denn es ist immer in ausreichender Menge vorhanden. Nicht so am Tag vor Karfreitag. Ausverkauft! Da stehe ich und suche und finde - nichts. Ah, das stimmt nun so auch wieder nicht. Was ich finde, sind diverse Cappuccion-Sorten, klein. groß mini. Aber nicht die gesuchte Sorte; und ich finde große Dosen, die sich auch Cappuccino nennen, aber das ist nur Makulatur. Denn der Inhalt verspricht „weiße Schokolade". Also nix für meinen Mann. Keine Alternative. Von diesen Regalen ist das Regal heute voll. Ich wende mich also einen der Verkäufer, den ich umständlich in seinem Büro suchen muss und der erst nach mehrmaligem Klopfen an der Tür erscheint (diese Tür ist im übrigen von außen so verschlossen, wie der Schutzraum zum heiligen Gral, wenn es einen geben sollte). Ich nenne mein Anliegen und frage nach den 500g-Dosen des Schoko-Cappuccino.
Er kommt immerhin mit, weil er ja weiß, dass die Kunden meistens zu blöd sind, die Ware zu entdecken. Wir stehen vor dem Regal und er zeigt mir die Fälschung mit der weißen Schokolade.
Da! sagt er noch.
Ich schaue ihn an und wage es, ihm zu widersprechen.
Dieser Cappuccino hat nicht den Schokogeschmack.
Ja, nun, aber das Regal ist doch voll und (dann kommt der Nachsatz, bei dem mir der Mund offen stehen bleibt) wir bekommen erst neue Ware, wenn diese hier verkauft ist. Häh??? Das sind doch zwei ganz unterschiedliche Produkte und offensichtlich ist die „weiße" Sorte nur wenig gefragt.
Ja, die Lieferung kommt Halb und Halb. Also gemischt. Und wenn der weiße Cappuccino nicht verkauft ist, solange gibt's auch keine neue Lieferung, ergo auch keine Schoko-Variante.
Also, Sie meinen mit anderen Worten, es müssen jetzt ganz viele Kunden die „weiße" kaufen und dann gibt's die andere wieder?
Ja, genau so. Hab ich Ihnen eben grade erklärt.
Ich sehe jetzt mal darüber hinweg, dass ich etwas dumm und nicht besonders verständig bin, ja geradezu bockig scheinen muss. Aber gut. Also frage ich sicherheitshalber:
Und wenn kein Kunde die „weißen" kauft?
Er, nun sichtlich genervt, antwortet:
Dann gibt's keine Nachlieferung der Schoko-Dose.
Aber das kann doch dauern?
Achselzuckend lässt er mich stehen. Er hat es aufgegeben, mich in die Spielregeln der Supermarkt-Politik einzunorden.

Ich glaube ihm kein Wort. Und als er das Weite gefunden hat, welches er suchte, um von mir wegzukommen, greife ich mir einen vorbeihuschenden Kollegen in Rot-Gelb.
Leider erfahre ich von ihm ganz genau das Gleiche:
Wird der weiße Cappuccino nicht verkauft, gibt es keinen Schoko.

Wie bei Kohlhiesels Töchtern.

Wie wäre es, haben Sie nicht Lust, dem Sortiment auf die Sprünge zu helfen? Also alle, die das hier lesen und bei mir um die Ecke wohnen? Kaufen Sie ganz schnell eine „weiße" Cappuccino-Dose mit 500 g Inhalt oder, falls Sie dieses Getränk auch nicht mögen, denken Sie daran, dass Ostern ist und „verstecken" die Dosen - aber so, dass sie erst nächstes Jahr gefunden werden, hinter anderen Produkten in den Regalen des Ladens. Sie machen meinem Mann und mir und nicht zuletzt den Verkäufern eine Freude, denn letztere dürfen dann wieder neue Ware ordern. Und das wäre doch schön, oder?

Viel Vergnügen beim österlichen Einkauf, frohe Feiertage und mögen alle handelsüblichen Produkte für Sie greifbar sein.

Nachtrag: Zwei Tage später.
Ein junger Mitarbeiter vom P-Markt hat es geschafft, den Ruf dieses Ladens doch etwas gerade zu rücken. Man stelle sich vor.

Heute, am Samstag, war ich wegen dringender Kleinigkeiten noch einmal dort und ging mit kleiner Hoffnung auf neue Warenlieferungen, es könnte ja sein, dass der weiße Cappuccino inzwischen ausverkauft wurde und - zappzerapp - eine neue Lieferung gekommen sein mag. Sie ahnen es. Dies war leider nicht der Fall.Aber - als ich so für mich hin in Gedanken versunken ob der Fehlkalkulationen ganzer Ladenketten den Gang entlang und die Regale abschritt, kam ein junger Mitarbeiter auf mich zu, sah mich freundlich lächelnd an und fragte: Möchten Sie heute vielleicht einen Schoko-Cappuccino?
Ich sah ihn mit einem scheelen Blick von der Seite an, ob er sich vielleicht lustig machen wollte. Aber immerhin antwortete ich ihm, dass mir nichts lieber wäre.
Er darauf: Ich habe noch zwei Dosen. Hab ich extra für Sie bestellt.
Ist es zu fassen?
Sie machen mich überglücklich und natürlich nehme ich alle beide,
Der Hintergedanke ist klar: Wer weiß, wann wieder welche da sind.
Er brachte die Dosen aus dem Lager zu mir und ich bedankte mich überschwänglich.
An der Kasse übermittelte ich auch noch einmal meinen Dank und lobte den jungen strebsamen Mitarbeiter in den höchsten Tönen.
Die Kassiererin war verwundert, als ich ihr erzählte, dass ich wegen der Sache mit dem vorherigen Zwangsverkauf des "Weißen" ziemlich erbost gewesen bin.
Sie fragte mehrmals nach, wer mir diesen Unsinn erzählt habe? Ich wies auf die beiden Mitarbeiter, die gerade so taten, als reparierten sie den Plastikflaschen-Automaten, der die Flaschen immer wieder ausspuckte, statt sie zu schlucken. Sie waren fröhlich und pfiffen ein Liedchen.
Die Frau an der Kasse erklärte mir, dass das alles Quatsch sei. Die Lieferungen kämen turnusmäßig. Da hätten sie alle gar keinen Einfluss drauf, und wenn etwas nicht ausverkauft sei, nun, dann sei es eben noch vorhanden und man hätte Mühe, die Regale einzuräumen. Also nix wie bei Kohlhiesels.
Mir blieb nur, ihr ein paar schöne Feiertage zu wünschen.
Wir haben sie uns redlich verdient. Alle.

 

©Margret Silvester, Karfreitag 2010/und Ostersamstag

 
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User Comments

Hej, lieber Guido,
dieser P-Markt wird vermutlich nicht letztmalig in den 'Streiflichtern' auftauchen. Er ist immer gut für grenzwertige Erlebnisse. Besonders der Marktleiter ist ein Fall für sich.
Liebe Grüße
Margret

Veröffentlicht von Margret Silvester, An 04/05/2010 bei 14:46

Liebe Margret,

wenn man diese Geschichte liest und Deinen Humor kennt, dann kann man sich in etwa die Gesichter der Verkäufer vorstellen.
Ich habe mich köstlich amüsiert!!

Dankeschön und liebe Grüße
Guido

Veröffentlicht von Guido Schmidt, An 04/05/2010 bei 10:55

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