Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und vor allem nicht über den unterschiedlichen Geschmack von Müttern und Töchtern. Gestern auf der Eppendorfer Landstraße : Ich...
Heute ist so ein Tag, an dem man am besten noch einmal morgens aufstehen sollte, weil nichts klappt. Kennen Sie solche Tage auch? Man sollte vielleicht sogar mit der letzten Traumphase beginnen.
Der Traum:
In der gesamten Küche fallen die Tapeten von den Wänden und der Vater, der seit Jahrzehnten die Grenzen des lebendigen Landes verlassen hat, wühlt mit der hohlen Hand hinter den kaputten Tapeten losen Sand heraus. Er lässt den feinen Sand zwischen den Fingern nach unten rieseln und sagt: Das geht gar nicht. Schaut euch das an. Wer hat diese Schlamperei verursacht.
Und du greifst zum Telefon, um den Verursacher - seines Zeichens einen Malermeister - herbeizuzitieren, der auch relativ schnell zur Stelle ist.
Nun prüft er mit Bohrmaschine und Meißel die Wanddichte, setzt hier ein Loch und dort und bald sind die Wände der Küche von einem Schweizer Käse nicht mehr zu unterscheiden.
Sein Argument für weitere Löcher in den übrigen Wohnungswänden ist schlagend:
Man muss den Unterschied herausfinden. Wie ist die Beschaffenheit der Mauern in der ganzen Wohnung - und - siehe da! die anderen Wände neigen ebenfalls dazu, auf Sand gebaut zu sein.
Du wachst mit Tränen in den Augen auf und stellst zum Glück fest, dass die Wand neben deinem Bett heil und ganz ist.
Der Weg zur Arbeitsstelle ist mit einer Mischung aus Eis und Schnee, Matsch und festgefrorenem Streugut gepflastert; sozusagen.
Im Büro rappelt das Telefon, kaum dass du den Mantel abgeworfen hast. Falsch verbunden! Zu der Zeit noch angenehm, weil die Augen und Ohren noch nicht bei der Arbeit angekommen sind und eine Weile benötigen, um den Alltag zuzulassen.
Später versuchst du, eine gewisse Frau Meyer in einem Institut mit 12000 Beschäftigten aufzufinden, weil besagte Frau Meyer keine Telefonnummer hinterlassen hat. Es gibt Frau Meyers dort wie Sand am Meer (ist das womöglich schon die symbolische Auflösung des weiter oben dargestellten Tapeten-Traumes?), aber keine Frau Meyer hat die Funktion, die deine Frau Meyer bekleiden soll.
Aber du bist pfiffig und gehst andere Wege. Und wirst wieder fündig. Ja, DIE Frau Meyer, die arbeitet gar nicht bei uns, sondern in einer dem Hause angeschlossenen Institution. Und die Kollegin dort nennt dir den Firmennamen und gibt dir auch sinnigerweise gleich die passende Durchwahl; nur ist die leider falsch und du gerätst an eine Steuerberater-Kanzlei, wo leider auch eine Frau Meyer - zufällig - arbeitet. Oder auch nicht zufällig!
Also - du bist immer noch ein ganz pfiffiges Kerlchen - suchst du über das Internet die Firma, die sich auch findet. Dort gibt es eine Zentrale.
Frisch gewagt und angerufen. Besetzt. Gut, nur nicht nervös werden. Zehn Minuten später Wahlwiederholung (zwischendurch muss man schließlich auch noch mal was anderes bearbeiten!). Besetzt. Das Spiel wiederholt sich bis in die Mittagspause, die deshalb fast nicht stattfindet. Frau Meyer ist eben ein wichtiges Puzzleteil für andere Tätigkeiten, die keinen Aufschub dulden.
Nach dem Mittag endlich: Freizeichen. Dann kommt ein AB mit einer sehr höflichen Ansage, dass die Sprechzeiten nur von dann bis dann sind.
ABER: Ich bleibe pfiffig.
Es gibt in der Internet-Anschrift noch eine Telefonnummer. Ha!
Ich überlese den Kommentar hinter der Nummer, dass es sich um die Geschäftsleitung handelt. Manchmal muss man eben GANZ OBEN ansetzen, um unten anzukommen.
Es wird tatsächlich der Hörer abgenommen. Stimmengewirr, Musik, lautes Gelächter im Hintergrund. Dann meldet sich jemand, dessen Name ob der Hintergrundgeräusche nebelhaft verborgen bleibt. Ich erkläre mein Anliegen, nämlich, dass ich dringend mit Frau Meyer sprechen möchte.
Gelächter. Irgendjemand schreit nach hinten: FRAU MEYER! FRAU MEYER! Dein Typ wird
verlangt.
Und zur Entschuldigung an mich:
Wir feiern hier heute Fasching. Hahahahaha!
Ja, es ist Faschingsdienstag, aber wir befinden uns immer noch in der Norddeutschen Tiefebene von Hamburgs Speckgürtel. Also diese besagte Firma. Greift der Narr nun auch schon nach den nordischen Gefilden?
Immerhin meldet sich schließlich eine Frauenstimme, der anzumerken ist, dass mindestens ein perlender Wein ihre Lippen genetzt hat.
Ja?
Frau Meyer? frage ich hoffnungsfroh gestimmt.
Zwischen Kichern und Juchhuuu-Rufen lässt mich die Fremde am Apparat wissen:
Nein, tut mir leid. Frau Meyer ist heute nicht im Hause. Und legt auf. Einfach so. Kein Trost für die nächsten Tage. Keine Nachfrage, ob ich vielleicht einen Rückruf wünsche, wenn denn Frau Meyer wieder im Hause ist. Nein. Einfach so. Ich starre den Hörer in meiner Hand an und tu desgleichen. Ich lege auf.
Mir bleibt, das zu glauben oder nicht. Ich werde meine Pappnase aufsetzen und den Weg nach Hause antreten.
Anmerkung der Verfasserin:
Ähnlichleiten mit wahren Begebenheiten und Namensähnlichkeiten sind rein zufällig und entbehren jeder Grundlage eines Zweifel an der Echtheit.