Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und vor allem nicht über den unterschiedlichen Geschmack von Müttern und Töchtern. Gestern auf der Eppendorfer Landstraße : Ich...
Du wirst es nie zu Tücht'gem bringen
bei deines Grames Träumerein,
die Tränen lassen nichts gelingen:
Wer's schaffen will, muss fröhlich sein.
Wohl Keime wecken mag der Regen,
der in die Scholle niederbricht,
doch golden Korn und Erntesegen
reift nur heran bei Sonnenlicht.
Theodor Fontane *30.12.1819; †20.09.1898
Mal wieder diese Pest der Neuzeit
Sonntag, 17. Januar 2010
Liegt es am Alter?
Wer die „Streiflichter" meiner Seite kennt oder auch die kleinen Kurzkurzgeschichten, weiß, dass ich eine etwas antiquierte Einstellung zum Gebrauch von Mobiltelefonen habe. Ich selbst besitze eines, benutze es jedoch äußerst selten und trag es schon gar nicht ständig bei mir, es sei denn, ich gehe in der schwedischen Waldeinsamkeit verloren (wo es mir auch dann nicht viel nützen würde, weil die Funklöcher (siehe auch ´"Vivat lupus!") verbreiteter sind als die Schlupflöcher der asiatischen Waldameise. Ordnete ich früher allerdings die Handhabung eines Mobiltelefons von meinen Mitmenschen eher dem Skurrilen zu, so empfinde ich es heute als grob fahrlässig.
Neulich hatte ich eine Heimfahrt in einem der Busse zurückzulegen. Ich hatte einen langen ereignisreichen und anstrengenden Tag hinter mir und ließ mich in den Polstern des Busses nieder, froh, gefahren zu werden, nichts mehr reden zu müssen und andren Leuten die Verantwortlichkeiten zu überlassen.
Es war so gegen 23 Uhr und das Fahrzeug war gut gefüllt; die meisten Mitfahrenden hatten einen Sitzplatz. Einige Verwegene hielten sich im Mittelraum auf und an den vorgesehenen Stangen fest. Ich saß mit dem Rücken dazu und hörte plötzlich ein aufgeregtes „Hallo!"
Ich drehte mich um, vermeinend, auf einen ebenfalls auf Heimkurs unterwegs seienden Freund zu treffen (das ist ein Satz! Anm. der Autorin) , denn die Stimme klang mir bekannt. Ein Mann um die Vierzig sah zu mir herab und wiederholte sein „Hallo? Wer ist denn da?"
Dabei blickte er mich durchaus freundlich lächelnd an. Ich aber kannte ihn nicht oder mein Gedächtnis spielte mir einen Streich. Also war mein Blick eher fragend. Er rief aus: „Ach, du bist es! Das ist mal eine Überraschung."
Immer noch den Blick auf mich, begann er eine sehr einseitige Unterhaltung, weil ich ihm nicht antworten konnte. Dem geneigten Leser, der über ein sehr viel besseres Wissen der modernen Technik als ich verfügt, mag es schon aufgegangen sein. Klar, nicht ich war gemeint, sondern der kleine Mann (oder auch Frau) im Ohr, von welchem auf der rechten Seite eine Schnur den Hals des Mannes herunter bamselte, die an einer Stelle etwas verdickt war und einen Regulierknopf hatte. Ja, gesehen habe ich das natürlich auch ziemlich bald und mir dann vor den Kopf geschlagen ob meiner Einfalt, ich könnte gemeint sein.
Während ich meinen Kopf nun wieder in die richtige Stellung für das Geradeaus-Fahren brachte, hörte ich auf dem Sitz der nächsten Bankreihe jemanden sagen:
„Mit Fenchel?"
Und ein paar Sitze weiter sagte jemand: „Nein, das find ich schweinisch. Das sollte man nicht machen."
Der mit dem „Hallo" sagte gerade: „Wir sollten sehen, dass wir endlich mal alles unter Dach und Fach bringen und der „Fenchel" antwortete sozusagen: „Klar, das wird ein Spaß."
Und der, der den Fenchel, oder was auch immer für schweinisch gehalten hatte, lenkte nun ein:
„Ach, ich weiß nicht. Der hat schließlich auch noch andre Probleme, da müssen wir Nachsicht üben."
Von den vorderen Sitzen quakte eine Stimme dazwischen:
„Ich sitz grad im 5er; bin gleich da." und nach einer Pause: „Ich bin so froh, dass ich die Sitzung hinter mich gebracht hatte. So ein Chaos in der Gruppe heute. Hab schon Fusseln am Mund vom vielen Gesabbel. Ich werd froh sein, wenn ich gleich die Beine hochlegen kann. Also, ich leg jetzt mal auf. Alles Weitere später."
Und ZACK!
An der nächsten Haltestelle stieg eine ganze Gruppe von Menschen ein, die - es war der Ort und die Zeit dafür - von einem Konzert kamen. Diese Haltestelle ist hauptsächlich jenen vorbehalten, die vernünftiger Weise ihr Auto zu Hause lassen und mittels öffentliche Verkehrsmittel ihrem Vergnügen nachgehen. Es waren rund zehn Leute, Männer, Frauen, Jugendliche und ein Kind war auch dabei. Nun ging es erst richtig los. Musste ich mich zu einem früheren Zeitpunkt mit ein paar ungeordneten Sätzen der alltäglichen Art begnügen, erfuhren ich und meine bisherigen Begleiter der abendlichen Fahrt, wie das Konzert war, wen man getroffen und wen man nicht getroffen hat.
„Reginald ist nicht gekommen", sprach eine Mittdreißigerin in ihr Mikro am Hals, „dabei hatte er es doch fest versprochen."
Und der Mann neben ihr, von dem man hätte annehmen können, dass sie beide zusammengehören, machte seiner Enttäuschung Platz: „Es war das Geld nicht wert. Da kriegen mich keine zehn Pferde jemals wieder hin."
Ein weiterer Fahrgast war eine echte Augenweide, es war viel an ihm zu bestaunen. Er trug einen langen schwarzen Mantel, der mit allerlei Zeichen, wie sie mitunter Gothic-People für sich beanspruchen, bestickt war. Seine Kapuze hing lang herunter, unter den weiten Ärmeln klimperten ein paar Silberreifen und sein Ohr und Nase waren gespickt mit ebensolchen, nur kleiner, versteht sich, ähnlich waren seine Finger geschmückt. Die Arme und Ärmel waren mit magischen Symbolen teils bestickt, teils tatuiert, soweit sichtbar, glichen die Symbole sich. Der ganze Mann war gewollt eher von gestern, wenn man es mal so nennen will. An seiner Seite hing ein Schwert und seine Augen waren geschminkt, seine Wangen weiß gepudert. Das einzige Attribut an die Jetzt-Zeit war das Handy, das er mit einer Hand am Ohr hielt. Naja, auch die Sprache war von heute, denn sonst hätte er sich kaum über die Machenschaften der Weltwirtschaft mit seinem Zuhörer unterhalten.
„Ich hab heute mehrere Töpfe voll gemacht", sagte er, „und die waren nicht von schlechten Eltern."
Pause.
„Was?" Hahahahaha!!!! „Nein, nein, alles mit dicken Prozenten. Du wirst sehen, ich bin wieder ganz vorne beim Stechen und Eduard muss sich warm anziehen."
Der „Fenchel" war nun beim Nachtisch angekommen und erklärte dem Unsichtbaren im Kabel, dass es nicht notwendig sei, die „Ungespritzten" zu kaufen, denn „die Schale schmeiß ich eh weg."
Der Menschenversteher von vorhin versuchte noch immer, jemanden von der Unschuld eines gemeinsamen Freundes zu überzeugen. „Ich sage dir, der macht so was nicht. Dazu ist der viel zu blöd."
Und mein Unbekannter-Bekannter sagte noch: „Du, ich muss jetzt hier aussteigen. Also, dann bis später.".
Werden Handys eigentlich automatisch abgeschaltet, wenn man den Bus verlässt? Oder machen es die Nutzer, weil sie wissen, sie haben ab sofort vermutlich kein staunendes Auditorium mehr? Der Eindruck drängte sich mir während dieser Fahrt ein paar Male auf, weil die meisten sich vor dem Aussteigen verabschiedeten.
„Und tschüss dann", sagte einer, aber im Bus erhielt er keinen Gruß zurück, auch von mir nicht, denn ich hatte Ignoranz für den Rest der Fahrt beschlossen und sollte mich mal jemand im Bus treffen, der mich wirklich kennt, muss er sich schon was andres ausdenken, um mein Interesse zu wecken, als einfach nur „Hallo" zu sagen. Denn darauf höre ich nicht mehr.
erst neulich dachte ich wieder an meine Lieblingsassoziation: 'Was müssen sich die Bewohner anderer Planeten denken, wenn sie auf die - nicht mehr so - gute alte Erde blicken. dort Männchen mit bunter Haarpracht und in den erstaunlichsten Rüstungen erblicken, den Kopf verkabelt und Selbstgespräche führend'?
Hießen diese Gestalten nicht früher Marsmenschen? Was mir allerdings gefällt im Zusammenhang mit Handys, die Staren, diese Schelme, haben schon seit langem gelernt, die Klingeltöne nachzuahmen. Ein Heidenspaß im Freibad! Ein Trällern, und die Sucherei in Badetaschen und Rücksäcken geht los. Ich wette, diese Vögelchen machen das absichtlich, um zu zeigen, wer hier den Vogel hat.
Herzlich, Barbara
Veröffentlicht von Barbara Gleich, An 01/18/2010 bei 00:45