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Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.

John Lennon

 
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Donnerstag, 5. November 2009
Jess, Jem und der Sinn des Lebens

Kinder sind unsere Zukunft. Sie sind unsere Daseinsberechtigung – nein, falsch. Sie sind unsere Aufgabe. Sie stellen sich ein, gewollt und manchmal ungewollt. Und dann erhalten sie Namen. Namen, die sie ein Leben lang mit sich herumtragen werden. Oder müssen. Es gibt eine Menge Namen, mit denen ihre Träger nicht zufrieden sind. Ach, eigentlich sind die meisten Menschen, die ich kenne, mit ihren Namen unzufrieden oder waren es mal. Aber die Eltern, die sind zufrieden. Sie streben an, ihren Kindern Namen zu geben, die etwas hermachen, die besonders sind und die auffallen. Die nicht in der Masse verschwinden. Vor allem, wenn es sich bei dem Nachnamen um einen Sammelbegriff handelt. Dafür kann ja keiner was. Umso mehr sollen die Vornamen herausragen.Manchmal dauert die Namenssuche ganze neun Monate. Bis das kleine Wesen, das dort im Wärmebettchen liegt, den ersten Atemzug getan hat, ist es meist namenlos oder hat heimliche Namen wie Pünktchen oder Kleinchen oder Krümel. Gibt sicher noch ganz viele andre Beispiele dafür. In diesen neun Monaten wird viel getan, um aus dem Kind etwas Besonderes, etwas Unübersehbares, etwas Bleibendes zu machen. Natürlich ist es nicht nur der Name, aber der vor allem. Dann heißt so ein Kind Jess oder Jem. Jedenfalls habe ich diese Namen in den letzten Tagen gehört, was mich veranlasste, dieses Streiflicht zu schreiben. Aber natürlich geht es nicht wirklich um die Namensgebung, wie Sie noch herausfinden werden.
Es geht um die Wertigkeit. Der Name ist wichtig und gewichtig. Und man mag sich darüber streiten, ob ein Augustus zu „Müller“ passt oder eine Agrippina zu „Schmidt“. Und weshalb auch nicht? Es geht darum, dass die Vorbereitungen in Sachen Namensfindung einen ungeheuren Aufwand mit sich bringen. Da werden Namensbücher gewälzt, man bemüht die verehrten Ahnen, befragt Freunde und sieht den Abspann nach einem Film etwas genauer an. Irgendwo wird sich ein Name verstecken, der sich blitzartig ins Gehirn der Eltern brennt und unauslöschbar später ins Geburtenregister übernommen wird.
Nun ist das Kind also nicht mehr namenlos und man kann es bei Namen rufen, vor allem, wenn es gelernt hat, sich auf zwei Beinen fortzubewegen. Da tönt es laut aus elterlichem Mund: „JEM!! Komm her, sofort!“ Und: „JESS, lass es.“
Ich will nicht verhehlen, dass auch Kinder mit diesen Namen zärtlich angesprochen werden, aber das hört der geneigte Fußgänger nicht, dieweil die Stimmen dann leiser daher kommen. Also lass ich es bei den Ausrufen, die mir im Ohr geblieben sind.
Eltern sind eben auch nur Menschen. Aber sie haben sich alle Mühe gegeben, ihrem Kind eine Marke umzuhängen, die kein anderer hat. Oder nur wenige, und die sind sicher nicht in der Nachbarschaft. So viele Mühe, damit das Kind in dieser Welt seinen Platz erhält. Aber das war es dann auch schon mit der Regieanweisung elterlicher seits. Alles andere – so scheint es - bleibt dem Zufall überlassen.
Ich stelle zunehmend fest, dass viele Kinder außer ihrem Namen nichts mitbekommen, was auch nur im entferntesten mit einer sozialen Entwicklung zu tun hat.
Mir ist im Zusammenhang mit der Namensgebung – und ich kann noch nicht einmal sagen, wieso eigentlich – aufgefallen, dass viele Kinder nichts auf den Weg, der der Sinn des Lebens heißt, mitbekommen. Wenn ich mal davon absehe, dass „Nein“ und „eine stille Treppe“ (früher hieß es "in die Ecke") ganz offensichtlich favorisiert werden.
In unserer Straße sind seit ein paar Jahren Kinder zu „Halloween“ unterwegs wie weiland die Kinder beim Rummelpottlaufen. Sie gehen von Tür zu Tür, klingeln und fragen nach Süßigkeiten und anderem. Die Sprüche sind alle ähnlich, denn sie drohen dem, der nichts gibt, Strafen an. Zu diesem Zweck haben sie Spraydosen dabei. Wenn die Leute Glück haben, handelt es sich um Rasierschaum, falls weniger beglückt, sind es Farbspray-Dosen. Ich habe für die Kleinen immer etwas parat. Sie langen in einen großen Beutel, dessen Inhalt sie nicht erraten können und grabbeln darin herum, holen sich etwas heraus. Es sind teils Süßigkeiten, teils kleine Spielzeuge, Kinderfeuerwerk und dergleichen mehr. Manchmal lass ich sie Rätsel raten und wir haben viel Spaß miteinander. Am nächsten Morgen ist meine Klingel vollgesprüht, der Handlauf verklebt, die Fenster angemalt, das Auto vollgekleckst. Warum? Weshalb werde ich bestraft, obwohl ich etwas – und nicht zuwenig – gegeben habe? Übermut? Es ist das Privileg der Kinder, Unsinn zu machen. Kindheit soll Spaß und Freude sein. Und vielleicht mag dem einen oder anderen ein Brückenschlag wie dieser hier angedachte zu weit gefasst wirken. Vielleicht. Ich glaube aber, dass Kinder zunehmend einfach nicht mehr lernen, wann was angebracht ist. Durch verwischte Grenzen, durchs Alleingelassen sein erfahren sie nicht mehr, wo Streich endet und Zerstörung beginnt. Ihnen werden Hintergründe vorennthalten, alte Geschichten nicht mehr erzählt, Geschichten, wie die von Samhain (Halloween) zum Beispiel. Gewachsenes weicht Künstlichem. Der wirkliche Sinn des Lebens rückt in Sphären, die später nicht mehr erreichbar sind.
Und dabei haben sie - die Kinder - so schöne besondere Namen erhalten. Warum machen sich Eltern außer der Namensgebung keine Gedanken mehr? Na ja, vielleicht machen sie sich noch Gedanken darüber, welche Karriere Jem oder Jess eines Tages anstreben sollen, aber sonst?
Wer erzählt ihnen von ihrem Werden, ihrer Geschichte? Wer von den Zusammenhängen der Notwendigkeiten in Wasser und Luft? Wer erklärt ihnen die Jahreszeiten, wenn sie von den alten Festen nichts mehr erfahren?
Die Handynutzende Mutter hinter dem Kinderwagen? Kaum. Der am PC sitzende Vater? Wohl eher nicht. Die Großeltern wohnen nicht mehr bei ihnen. Wenn sie Glück haben, sehen sie diese noch ein-/ zweimal im Jahr.
Wir sind in eine Generation geraten, die schon so weit vom Sinn des Lebens entfernt ist, dass sie diesen demnächst auf dem Mars suchen kann. Und das zu Fuß.
Eine Freundin berichtete mir in diesem Zusammenhang, dass sie auf einem S-Bahn-Bahnsteig ein Kind von noch nicht einmal vier/fünf Jahren vor dem Absturz auf die Gleise bewahrte. Dieses Kind war ihr aufgefallen, weil es in einem atemberaubenden Tempo mit einem dieser kleinen Roller aus Metall den Bahnsteig auf- und abfuhr. Immer schneller. Die S-Bahn fuhr ein und nahm im Fahrtwind das Kind fast mit. Kein Elternteil weit und breit. Noch nicht einmal, als meine Freundin das Kind am Arm packte und es von der gefährlichen Kante gerade noch zurückriss.
Später wurde der Vater ermittelt. Er stand weit weg auf dem Bahnsteig und telefonierte emsig per Handy. Vermutlich hing seine berufliche Karriere von diesem Telefonat ab. Irgendwann fiel ihm ein, dass er auch noch einen Sohn herumlaufen hat. Der Name des Kindes ist übrigens nicht bekannt, denn der Vater rief ihn „Sohn“. Das hat auch was und widerlegt meine Ausführungen weiter oben, dass Eltern sich viel Mühe bei der Namensgebung machen.

Ein etwas größerer Nachsatz:
Das hört sich hier nun alles sehr pauschal an. Es ist doch so, dass uns negative Dinge eher auffallen. Man denke nur daran, dass die Regentage vom Sommer immer eher im Gedächtnis bleiben als die vielzähligen Sonnentage, die wir dieses Jahr erleben durften. Insofern muss ich hier in aller Deutlichkeit dem geneigten Leser sagen: Es gibt auch andere. Andere Eltern, andere Kinder. Und zum Glück kenne ich einige ganz besondere, deren Namen auch wunderschön sind, aber kompatibel mit dem einhergehenden Beiwerk von Eltern und Charakter (zwei von ihnen haben gerade dieser Tage ihren 16. und 19. Geburtstag ;o)) und das ist eine gute Erkenntnis, die zu Hoffnung Anlass gibt. In diesem Sinn grüße ich von hier alle, die noch Sinn und Unsinn auseinander halten können, die in der Lage sind, mit ihren Kindern Unsinniges zu gegebener Zeit veranstalten und damit den Humor eines Menschen begründen  und die ihren Kindern außer den Namen auch den notwendigen Beistand, die Rückenstärke und vieles andere geben, was aus kleinen lebensfrohen Kindern ebensolche Erwachsene macht. Erwachsene, die sich ihrerseits keiner „stillen Treppe“ mehr bedienen, weil die Kinder vertrauensvoll wissen:
- Meine Eltern haben ihre Ohren bei mir und nicht am Handy und können mir erklären, weshalb es regnet und schneit, warum die Eisbären niemals mit Pinguinen zusammentreffen und weshalb die Ebbe ewig die Flut ablöst. Dann weiß ich Sinn vom Unsinn zu unterscheiden, den Spaß des Lebens dennoch lernen und sowohl das Herbstlaub wie auch den Regen im Frühling, ja, sogar den Schneematsch einer Großstadt als Bestandteil meines Lebens mit Vergnügen zum Wohlfühlen zu nutzen. –

©Margret Silvester, im November 2009
 
 
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User Comments

Liebe Barbara, ich bin froh über deinen Eintrag. So sehe ich, dass das Streiflicht so verstanden wurde, wie ich es gemeint habe.
Liebe Grüße
Margret

Veröffentlicht von Margret Silvester, An 11/10/2009 bei 12:44

Kindern Grenzen zu setzen, in denen sie sich frei bewegen dürfen, ja genau das scheint das große Kunststück unserer Zeit zu sein. Früher hätten die Nachbarn ganz klar geregelt, ob der Schabernack noch als solcher zu werten ist, oder Sachbeschädigung. Nur, sie dürfen es nicht mehr, weil nämlich die Eltern sich schrecklichst aufregen würden, würde ein Anwohner dem Kind eine Ohrfeige androhen, androhen, ohne jede Vollzugsabsicht, für den Fall, dass es nochmal die Grenzen überschreitet. Und wird wirklich mal was kaputtgemacht, ertönt doch wieder sofort der Ruf nach der behördlichen Ordnungsinstanz, wo man früher einfach zu den Eltern ging. So erfolgt die Maßregelung weder im Ausmaß angebracht noch im zeitlichen Maß, also unmittelbar. Alles wird maßlos ...

Und es noch eine Mutter die unbeschwert sagen kann 'Ich war heute Nachmittag mit meinem Kind am Fluß, mit Kiesel spielen'. Würde sie nicht sofort zu hören bekommen, sie fördere ihr Kind nicht? Warum sie nicht beim Kleinkinderlesen, beim Frühbalettunterricht, bei den Minis auf dem Fußballfeld wäre?

Es erfordert sehr viel Mut, sich aus diesen Spiralen auszuwinden. Haben wir den ausreichend weiter gegeben?

Veröffentlicht von Barbara Gleich, Seine Homepage here An 11/10/2009 bei 07:31

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