Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und vor allem nicht über den unterschiedlichen Geschmack von Müttern und Töchtern. Gestern auf der Eppendorfer Landstraße : Ich...
„Es wäre besser an der Verhütung des Elends zu arbeiten, als die Zufluchtsorte für die Elenden zu vermehren.“
Denis Diderot, geb. 5. Oktober 1713 in Langres,
gestorben am 31. Juli 1784 in Paris -
er war seiner Zeit weit voraus,
aber die Menschheit entwickelt sich offensichtlich nicht.
Der soziale Aspekt
Mittwoch, 5. August 2009
Der soziale Aspekt
Oder:
Was tut
eigentlich eine Fallmanagerin in der ARGE*?
Worte
geistern durch die Sprache als Nebelschwaden, undurchsichtig, neu
oder missverstanden. Selbst, wenn sie keine Anglizismen sind. Oder
nur zum Teil, wie das Wort „FallmanagerIn*".
Wir schaffen es ja oft nicht, konsequent zu sein. Neulich hörte ich
eine Moderatorin im Radio den schicksalsschweren Satz sagen:
„Machen
Sie mit bei unserem Spiel und wir schenken Ihnen eine Eintrittskarte
for free."
Da hab
ich Dumme nun immer gedacht, Geschenke sind sowieso „free" (für
die Menschen unter uns, die auch kein bisschen der englischen Sprache
mächtig sind: "for free" heißt „ohne Bezahlung" und stammt
eigentlich aus dem steuerlichen Vokabular der angelsächsisch
sprechenden Länder - free tax, ohne Steuern. Das Wort „frei"
in der Übersetzung nutzt man eher im Zusammenhang mit „coming
free" (freikommen, aus dem Gefängnis entlassen werden, frei leben
wie ehemals der „Willy") oder „a day off" (ein Tag ohne
Arbeit - himmlisch!)
Nun
fragt man sich also, weshalb es betont werden muss, dass ein Geschenk
auch noch ohne Bezahlung gegeben wird. Um ganz sicher zu gehen? Ich
glaube eher, dass die morgendliche Sprecherin in einem unser
Hamburger Sender einfach keine Ahnung hat, was sie redet.
Aber
kommen wir zum Ernst der Lage zurück, zur FallmanagerIn. Entstanden
in den USA in Verbindung mit der ersten Weltwirtschaftskrise des 20.
Jh., bezeichnete es Menschen, die sich intensiv um die kümmerten,
mit denen es das Schicksal ganz oder vorübergehend nicht gut gemeint
hatte. Die Baustellen zu bewältigen hatten, die ohne Hilfe zu Ruinen
geworden wären. In vielen Bereichen wurden FallmanagerInnen
eingesetzt: Im Gesundheitsbereich, in den Familien, bei Finanzen
u.v.m. Ja,
selbst schon bei der Besiedlung des „wilden Westens" gab es
ähnlich Verantwortliche, die die Trecks begleiteten oder schon vor
Ort in den zu besiedelnden Gebieten lebten. Hintergrund war die
Einsicht, dass den Anfängen einer Krise gewehrt werden musste, damit
sie nicht entglitt. Später
übernahmen andere Organisationen in mehr oder weniger vereinfachter
Form diese Aufgabe. In den Gemeinden und Kommunen gab es
AnsprechpartnerInnen, die jedoch immer weiter reduziert wurden, je
größer der Aspekt der Einsparung wurde.
Nun
aber, in der heutigen Zeit, entsteht diese Erkenntnis neu. Das Rad
wird zum zigsten Male neu erfunden. Und nicht jeder möchte es rund
und mit vielen Speichen besetzt. So ist nach Einrichtung der ARGE (im
Volksmund auch Hartz IV genannt) das Bewusstsein in die leitenden Köpfe der
ehemals mit Vermittlung Befassten geraten, dass den Menschen mehr
fehlt als nur ein Arbeitsplatz. Der natürlich auch, aber der ist
nicht immer unbedingt und für jeden gleich greifbar. Wer Augen hat
zu sehen, der sieht, was der Arbeitsmarkt hergibt. Aber wer nach dem
Verlust des Arbeitsplatzes Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II
erhält - Arbeitslosengeld II (neben dem nach dem SGB III, dem Arbeitslosengeld I), ist dem Grunde nach
verpflichtet, sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. So er kann.
Andere, die nicht oder nicht mehr können, haben Anspruch auf andere
Leistungen, wenn denn der Grund für das Nichtkönnen so gravierend
ist, dass noch nicht einmal drei Arbeitsstunden am Tage bewältigt
werden können. Dies in aller Kürze vorweg geschickt.
Wie
schon gesagt: Der Arbeitslose ist in der Regel eben nicht nur
arbeitslos, sondern häufig auch anders belastet. Die möglichen Wege
kennt er nicht oder sie wurden ihm nicht aufgezeigt.
Wenn
dem so ist, kann die mögliche Hilfe eine Fallmanagerin sein. Seit
2005 gibt es die Funktion in der ARGE bundesweit. Ich will hier jetzt
nicht darauf eingehen, dass es in den einzelnen Bundesländern sehr
unterschiedliche Darstellungen im Fallmanagement gibt. Richtig ist
aber, dass die Deutsche Gesellschaft für Care- und Case-Management -
DGCC -(tut mir leid, aber hier kann ich nur mit diesen Begriffen
dienen), Richtlinien erarbeitet hat, nach denen FallmanagerInnen
arbeiten sollen. Dazu gibt es in den verschiedenen Kommunen
sogenannte Handlungsanweisungen, die den vor Ort maßgeblichen
Problemen Rechnung tragen sollen. Die Fallmana-gerInnen, die in
Hamburg und anderswo in den ARGEN eingesetzt sind, sind im
beschäftigungsorientieren Fallmanagement (kurz bFM) tätig. Das
bedeutet, dass diese sehr umfassende Hilfe am Ende dazu führen soll,
dass ein Kunde die geldlichen Leistungen nicht mehr oder nur noch
gering benötigt, sprich: Am Ende einer Betreuung durch die
FallmanagerIn soll eine Arbeitsaufnahme stehen (oder ähnl.).
Die
Fortbildung zur FallmanagerIn ist sehr fundiert und wird von guten
Trainern und Dozenten dezentral über die Agentur für Arbeit
angeboten. Hier hat die Führungsakademie ihr Händchen drauf und
entscheidet letztlich, wer das erstrebte Zertifikat erhalten wird.
Seit
Herbst 2005 wird in Hamburgs Jobcentern neben Vermittlung und
Leistungsbearbeitung auch das bFM angeboten.
Und
damit wechseln wir nun endlich nach dieser etwas längeren, doch
notwendigen Einleitung in die Praxis über. Im Fallmanagement werden
die Kunden betreut, die wegen schwerwiegender Hemmnisse an einer
sofortigen Arbeitsaufnahme gehindert sind, aber deren Hemmnnisse
beseitigt oder gemildert werden können. Immer vorausgesetzt, sie
wollen es, denn der Wechsel vom Vermittler zum Fallmanager ist
freiwillig. Ein wesentlicher Grundsatz unserer Arbeit, der den Aufbau
eines Vertrauensverhältnisses auf ein gesundes Fundament stellen
kann. Wenn
also Hemmnisse vorliegen, die mit Hilfe eines Fallmanagers angegangen
und auch behoben werden können, wenn die Chemie zwischen dem Kunden
und der Fallmanagerin stimmt, wenn dazu noch der Kunde willig und in
der Lage ist, seine Situation anzugehen und zu ändern, kann das bFM
beginnen.
Die
vorsprechenden Kunden sind in ihren Persönlichkeiten so
facettenreich wie die Schneeflocken, die uns im Winter viel Freude
machen. Gleichwohl schmelzen diese hemmenden Facetten nicht einfach
so dahin, sondern müssen einer genauen Analyse unterzogen werden.
Erst, wenn deutlich wird, an welchen Punkten gearbeitet werden kann
und muss, wenn die Möglichkeit besteht, dass der Kunde in der Lage
ist, ein Netzwerk zuzulassen, erst dann kann die eigentliche
Fallmanager-Arbeit stattfinden. Dabei
fungiert die Fallmanagerin als ein Krückstock, wie eine Kollegin in
unserem Kreis es immer so treffend benennt. Das Gehen wird gestützt,
seine Beine muss der Kunde aber weiterhin selbst bewegen, um den
richtigen Weg zu beschreiten.
Wenn
auch bei vielen Kunden die Struktur klar umrissen werden kann
- Schulden-problematik, Sucht, familiäre Hintergründe wie eine
Trennung etc. - so liegen bei mindestens ebenso vielen die
Strukturen begraben und im Dunkel. Es ist deshalb äußerst wichtig,
zu Beginn einer gemeinsamen Arbeit ein Arbeitsbündnis zu schließen,
das deutlich macht, was getan werden muss, was kann und wo ggf. auch
die Grenzen des Fallmanagements sind. Die Grenzen sind - so steht
es in der Hamburger Handlungsanweisung - dort, wo eine
Arbeitsaufnahme nicht als Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist. Wo
die persönliche Struktur sosehr mit sozialen Aspekten umpolstert
ist, dass die FallmanagerIn die Funktion einer Sozialarbeiterin
haben müsste, um hier eine Änderung herbeiführen zu können. Das
aber ist genau nicht die Aufgabe im bFM. Das Ziel ist eine wie immer
geartete Verbesserung der arbeitsseitigen Situation. Das
könnte ein Minijob sein, wenn der 8-Stunden-Tag nicht mehr in Frage
kommt. Das könnte auch eine Fortbildung in einen neuen Beruf sein.
Es könnte auch in eine Maßnahme münden, die letztlich die Aufgabe
hat, einen Menschen in seiner Ganzheit zu stabilisieren.
So
unterschiedlich strukturiert die einzelnen Fälle sind, so
unterschiedlich ist auch das Herangehen an die Arbeit im
Fallmanagement. Da benötigt der eine Zuspruch und Überzeugung, der
andere einen „Schubbs", der dritte immer wieder ein
Schulter-klopfen. Manchmal ist ein Glas Wasser oder ein Stückchen
Schokolade bei den Gesprächen hilfreich. Nette Worte schaden
ebenfalls nicht und auch die Tatsache, dass manche Kunden der Meinung
sind, sie könnten das Schienbein des Gegenüber als eine Art
meditativen Boxsack nutzen, ist durchaus ein Mittel, das es
aufzugreifen gilt. Mehr
als andere wissen FallmanagerInnen, dass das alte Sprichwort vom
„Rufen in den Wald und dem Erhalt des Echos, welches umgehend
zurückschallt", seine Berechtigung hat.
Menschen,
die sich am Rande ihrer Existenz wähnen, und oft nicht zu Unrecht,
geben anderen häufig die Schuld an ihrem Dilemma und manchmal haben
sie damit auch recht. Manchmal aber eben auch nicht. Es gibt
Schicksale, die hausgemacht sind. Das offen anzusprechen und dabei
doch fair zu bleiben, sollte einem Menschen, der einen beratenden
Beruf ausübt, inne wohnen.
In
Gesprächen, in denen mitunter Tränen fließen - egal, mit welchem
Hintergrund - muss es erlaubt sein, ein Papiertaschentuch greifbar
zu haben, eine kleine Geschichte, eine Fabel. Manchmal auch Hilfen,
die sonst in den heiligen Amtsstuben verpönt sein dürften. Der Zweck heiligt die
Mittel, wieder ein altes Sprichwort. Es zählen meiner Ansicht nach
die Erfolge, die letztendlich dabei herauskommen. Wobei natürlich
dem Gesetz das letzte Wort gegeben werden muss, wo kämen wir sonst
hin. Auf die Frage an Peter Ustinov nach einem Satz zur
Charakterisierung von Deutschland befragt, antwortete dieser: Alles
Weitere regelt ein Gesetz.
Sehen
Sie? Da haben wir es.
In
diesem Sinn wünsch ich allen Leserinnen und Lesern immer eine
Handbreit Existenz unter den Füßen und allzeit gute Fahrt durch die
Stürme des Lebens.
ARGE
= Arbeitsgemeinschaft;
in Hamburg team.arbeit Hamburg,
in bezirkliche
Jobcenter aufgeteilt.
Wegen der
„Gleichbehandlung" und zur besseren Lesbarkeit
wurde sprachlich
zwischen weiblichen und männlichen Bezeichnungen
im Wechsel
geschrieben. Es gibt natürlich immer
auch die gegenseitigen
Pendants.
„Fallmanagement"
ist kein geschützer Begriff und jede/r kann sich praktisch so
nennen. Daraus resultiert auch die irrige Meinung, die zu Beginn der
ARGE von den Medien aufgegriffen worden ist und zu vielen
Missverständnissen geführt hat (teilweise noch führt): Jede/r
LeistungsbezieherIn in der ARGE bekommt einen eigenen Fallmanager.
Dass dem nicht so ist, wissen wir inzwischen alle.