Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und vor allem nicht über den unterschiedlichen Geschmack von Müttern und Töchtern. Gestern auf der Eppendorfer Landstraße : Ich...
Der Kluge lässt sich belehren,
der Unkluge weiß alles besser.
Irgendwo gelesen. Verfasser unbekannt.
Lauscher
Dienstag, 7. Juli 2009
Das
Ohr am Nachbarn
Wie
aus gut unterrichteten Kreisen zu vernehmen ist, gehört das
Thema "Lauscherangriff" nunmehr der Vergangenheit an. Es gibt
eine billigere Alternative, dem Bürger seine geheimsten Gedanken
zu entlocken. Und die gibt er völlig freiwillig preis.
Seit
geraumer Zeit werde ich immer wieder - und zwar völlig ohne
eigenes Zutun - Zeugin intimster Gespräche, die mitten am Tage
und mitten auf der Straße resp. Gehweg geführt werden. Da
befinde ich mich z.B. in der Mittagspause auf der Eppendorfer
Landstraße und gehe meiner Wege. Vor mir ein Mann im besten
Alter. Von ihm weiß ich bislang, dass er der Jahreszeit
entsprechend gekleidet ist und seinen linken Arm vermutlich verletzt
hat. Er hält ihn gebeugt nach oben und mit der Hand um ein Gerät
geklammert, das wohl dazu dient, diesen Arm in der Haltung am Ohr zu
fixieren. Eine neue medizinische Erkenntnis, nehme ich an. Anstelle
des früher üblichen schweren Gipses. Weil ich etwas zügiger
gehe und ihm näher komme, entdecke ich meinen Irrtum: Keine
Verletzung ist der Grund für die Armhaltung, sondern sie dient
dazu, ein Handy gegen das Ohr zu pressen. Zu diesem Zeitpunkt erfahre
ich nun schon etwas mehr. Der Mensch heißt Olaf. Ich habe es
ganz deutlich gehört. "Hier ist Olaf", hat er gesagt und
hinzugesetzt: "Nein, Olaf Bartel!" Und ich erfahre gleich darauf,
wo wir uns befinden: "Ja, ich bin hier gerade in der Eppendorfer
Landstraße", sagt Olaf. Ob Vera zu Hause sei, will er jetzt
wissen. Er hat Vera lange nicht gesehen. Er lacht, weil er auf die
Frage, ob Vera noch immer mit dem "Jammerlappen" zusammen sei,
vermutlich eine passende Antwort bekommen hat.
Leider
bekomme ich das Ende der Geschichte nicht mehr zu hören, weil
ich an ihm vorbei muss und dann auch noch auf die andere
Straßenseite. Ich bin für eine Verlängerung der
Mittagspausen.
Ein
weiteres Handy-Erlebnis
In
der Erikastraße an einem sonnigen Sonnabendvormittag beim
Einkaufen: Zwei junge Frauen stehen neben einem Kinderwagen. Die Eine
schuggelt den Babywagen, die andere hält ein Handy ans Ohr.
"Duuuu
(schreit sie in den Sprechteil)!!! Stell dir mal vor, wen ich eben
getroffen habe. Du glauuuuubst es einfach nicht. Neiiiin!!!! Ganz
falsch!!!! Neiiiiin!!! Auch nicht!!!! Es ist Regina. Und stell dir
vor, sie hat ein Babiiiiiiiiiii!!!" Dabei springt die mit dem Handy
von einem Bein aufs andere und kann sich kaum beherrschen vor lauter
Wiedersehens- und Mitteilensfreude.
Na,
denke ich, und bleibe eine Weile vor dem Fischgeschäft stehen,
wie schön für sie.
"Stell
mal ne Tasse mehr auf den Frühstückstisch", setzt die mit
dem Handy fort, "wir kommen gleich rauf."
Sprichts,
beendet das Gespräch und wendet sich einem Hauseingang zu, der
zwei Schritte weiter ist. Freundin und Baby folgen ihr. So ein Handy
ist doch eine ausgesprochen praktische Angelegenheit.
Ein
romantisches Abendessen
Vor
ein paar Wochen wollten wir einen schönen Theaterabend mit einem
Candlelight-Dinner in unserem Lieblingsrestaurant beschließen
und uns auf den bevorstehenden Urlaub einstimmen. In trauter
Zweisamkeit saßen wir bei Kerzenschein, leise Musik im
Hintergrund. Am größeren Nebentisch ließ sich eine
Gruppe jüngerer Leute nieder, die schon ziemlich ausgelassen
waren. Vermutlich hatte die Menge an Bier, die sie bestellten, schon
eine Vorgeschichte zu Hause oder anderswo. Sie feierten einen
Geburtstag in ihrem Kreis. Mehrfach wurde das Geburtstagskind
hochgelebt, wodurch die leise Musik im Hintergrund ganz schlechte
Karten hatte. Kurz vor Mitternacht ertönte ein durchdringendes
Klingeln, das alle Anwesenden auffahren ließ. Von nebenan
Gelächter, das sich steigerte, je öfter sich das Klingeln
wiederholte. Seinen Höhepunkt erreichte die ausgebrochene
Heiterkeit, als der einer der jungen Leute endlich ein Handy aus der
Tasche zog und sich meldete: "Hier bei PERIKLES, wer da?" Die
lautstarke Freude kannte jedoch keine Grenzen mehr, als das
Geburtstagskind verlangt wurde. Die Gruppe skandierte den Namen:
"Rosie! Rosie! Rosie!!!" Und Rosie erhielt das Handy. Ich bin
sicher, dass weder Rosie noch der Anrufer am anderen Ende viel von
dem Gespräch hatten, weil die anderen ständig mit
Zwischenrufen die Stimmung bekannt gaben, was meiner Ansicht
überflüssig war. Der musste ja völlig taub sein, um
nicht im Bilde zu sein.
Nachdem
wir endlich auch wussten, dass es Rosies 35. Wiegenfest war und dass
Hinnerk und Detlef heute Abend fehlten, dass Rosie von ihrem Ehemann
einen Gutschein für eine Reise auf eine Schönheitsfarm
bekommen hatte und dass Cornelia nun von ihrem Mann auch so eine
wollte, dass Wegener (der Handy-Besitzer!) selbiges gern jedem in der
Gruppe einmal überließ, damit auch alle mit dem Anrufer,
der im übrigen den schönen Namen Heinzi trug, ein Wörtchen
wechseln konnten, wurde das Gespräch abrupt beendet. Entweder es
war was kaputt oder die Batterie war leer. Ich kenne mich damit nicht
so aus. Für die, die es interessiert: Die Stimmung hielt
unvermindert an.
Die
Käse-Episode
Gerne
gehe ich im Schlemmermarkt einkaufen. Das ist der Laden in der
Eppendorfer Landstraße, den man kurz vor der Post erreicht,
wenn man von der Robert-Koch-Straße über den kleinen
Parkplatz geht, der zum Laden gehört. Bei meinem letzten Besuch
stand ich als zweite Kundin in der Warteschlange am Tresen der
Aufschnitt-Theke. Ich war froh, dass es nicht so voll war, denn ich
hatte wenig Zeit. Leider war nur eine einzige Verkäuferin
anwesend. Die übrigen hatten entweder Pause oder beschäftigten
sich mit anderen wichtigeren Dingen. Aber ich war ja schon Zweite,
also nur Geduld. An der Reihe war ein Mensch männlichen
Geschlechts und undefinierbaren Alters. Er hatte einen Drei-Tage-Bart
und eine Halbglatze. Ich kann das Alter von diesen Männern ganz
schlecht einschätzen. Er trug einen dreiviertellangen hellgrauen
Kaschmirmantel und einen locker geknoteten Seidenschal in
Eierschalweiß um den Hals. Seine Füße steckten in
amerikanischen "Saddelshoes", diese halbschwarz/halbweißen.
Die Hose passte farblich zum Mantel, Ton in Ton - grau. Sie merken
schon: Ich hatte Muße, ihn genau zu betrachten. Die
Verkäuferinnen beim Schlemmer-Markt sind überaus
freundlich, und dementsprechend fragte sie ihn nach seinen Wünschen.
"Cheddar
soll es sein, ja, Cheddar, unbedingt."
"Möchten Sie den
neuseeländischen oder den englischen Cheddar?"
"Mhm."
Er zweifelte. "Ich nehme den englischen. 200g im Stück."
"Sonst
noch was?"
"Einen
Moment."
Er holte aus der lonken Manteltasche einen mehrfach
gefalteten Zettel, den er sehr sorgfältig auseinander faltete.
"Ah, hier stehts. Acht Scheiben Butterkäse, dänischen."
Die
Verkäuferin bedauerte.
"Leider nicht mehr vorrätig. Wir
haben aber einen deutschen Butterkäse. Auch sehr lecker."
Darauf
hin schaute der Mann etwas konsterniert; er schien ratlos zu sein.
Aber ein Mann wie er weiß sich zu helfen.
"Einen Moment", sagte er und holte
aus der rechten Manteltasche ein klitzekleines schwarzes
Schächtelchen hervor, welches sich nach ein paar Manöver
mäßig ausgeführten Handgriffen zu einem Handy
entfaltete.
„Ui, wie auf der "Enterprise", dachte ich noch. Ein
paar Tastendrücker später:
"Reni, Liebes, hol doch mal
die Mama ans Telefon. Nein, es ist nichts passiert. Es gibt hier nur
ein kleines Problem. Ja, ich denke an deine Tennisstunde. Nein, das
kommt überhaupt nicht in Frage. Nun sei ein Schatz und hole
Mama. Was? Hör zu, ich habe nicht soviel Zeit. Ich stehe hier im
Laden bei dem Käse. Bei dem KÄSE. Hol jetzt die Mama,
verd........Schatz? Ach, na endlich. Höre mal, die haben hier
keinen dänischen Butterkäse, nur deutschen. - Ach, das ist
egal? Weshalb schreibst du denn dann ausdrücklich dänischen?
Wie - das weißt du nicht? Du hast doch den Zettel selbst
geschrieben. Es ist immer das gleiche mit dir. Lerne endlich, dich
klar auszudrücken. Wie bitte? Es ist doch alles Käse? Wie
soll ich das denn jetzt verstehen?"
Der Herr im Kaschmirmantel
steckte sein Handy zurück in die Manteltasche und nahm wieder
seinen Zettel zur Hilfe. Ich hoffte inständig, dass es im
weiteren Verlauf nur klare Anweisungen waren, denen er sich gegenüber
sah. Das Schicksal meinte es gnädig mit uns und der Verkäuferin.
Der
Fortschritt
Als
ich mich nach einiger Zeit daran gewöhnt hatte, Menschen mit
abgeknickten Armen herum laufen zu sehen und nicht mehr so blöd
zu sein, sie zu bedauern, weil sie sich verletzt hätten, sah ich
mich einer neuen unbegreiflichen Situation gegenüber.
Ich
stand und schaute in das Schaufenster eines großen Spiel- und
Schreibwarengeschäftes, vertieft in die Auslagen, die zum Beginn
des neuen Semesters wunderschöne Füller und Briefpapier
feil boten. Kleine Preisschildchen wiesen aus, dass die Füller
aus erstklassigem Hause stammten.
Links
postierte sich ein Mann neben mich, der offensichtlich ebenso
fasziniert von den Dingen im Fenster war. Plötzlich sagte er:
„Na, das ist doch wohl zu teuer." Ich schaute ihn von der Seite
an und fragte, was er denn speziell meinte.
Er
würdigte mich keines Blickes, bemerkte aber, dass er gerade
dabei sei, das - was auch immer - auszuhandeln und meinte, wir
würden uns schon einigen.
Etwas
perplex fragte ich, auf was wir uns denn einigen sollten? Und er
sagte, dass er gerade von einer dummen Kuh gestörte werde.
Ich
schaute mich um, konnte aber keine Kuh entdecken.
Er
stand da, beide Hände in den Taschen seiner langen Lederjacke,
und warf mir einen wirklich bösen Blick zu. Weil ich mich noch
nicht entscheiden konnte, welcher Preis der angemessene war? Ich
fragte ihn, ob er mir nicht doch sagen wolle, um was es eigentlich
geht.
Sein
Verhalten wurde mir immer rätselhafter. Wörtlich sagte er
zu mir - und sein Blick war alles andere als freundlich -: „Ich
ruf dich gleich noch mal an, muss eben die Schnepfe loswerden."
Damit
drehte er sich vollends zu mir um und ich sah den kleinen Bügel
über seinem linken Ohr mit dem noch kleinen Mikro, das halb auf
seiner Wange lag.
Er
zeigte mir einen Vogel und ging schräg über die Straße,
schüttelte dabei ständig seinen Kopf. Ich nehme an, er
versuchte, den Knopf im Ohr loszuwerden.
Ich
könnte noch weitere 127 solcher Geschichten berichten und sicher
noch genauso viele dazu erfinden, die alle mindestens ein Körnchen
Wahrheit beinhalten würden.
Ein
Plus
Im
Norden von Schweden gibt es eine immer größer werdende
Zahl von Braunbären, die dort frei und ohne begrenzende Zäune
in Gemeinschaft mit Wölfen ihr Leben genießen. Ein
erwachsener Braunbar benötigt einen ziemlich großen Radius
Lebensraum. Wieviel das genau ist, habe ich leider vergessen. Es ist
jedoch soviel, dass der Platz im Norden nicht mehr ausreicht und die
Bären und auch Wölfe sich deshalb aufgemacht haben, das
übrige Schweden zu erobern. Schon seit einigen Jahren sind sie
bis Mittelschweden vorgedrungen und einzelne Tiere treiben sich schon
im Süden Dalarnas (Höhe von Stockholm) herum.
Diesen
Sommer zelteten zwei vierzehnjährige Jungen in den Ferien wie
üblich allein in einem der vielen Wälder an einem der
vielen Seen. Sie waren mit ihren Rädern dorthin gefahren. Sie
schliefen in einem kleinen Igluzelt und hatten Räder sowie das
übrige Gepäck samt Vorrat nachts vor dem Zelt gelassen. Sie
wachten mitten in der Nacht auf, weil sich jemand an ihren Vorräten
zu schaffen machte. Es war ein Braunbär. Ein erwachsenes
männliches Tier. Die Jungen hatten ein Handy. Sie konnten
deshalb schnell Hilfe herbeirufen. Der Bär verschwand, als er
Sirenen hörte und Blaulicht und Scheinwerfer den Wald aus den
Schatten hoben.
So
what!
Für
Menschen, die mit ihren Autos weite Strecken und dann auch noch
nachts zurücklegen müssen, für dringende
Notwendigkeiten mag das Handy ein Segen sein, obwohl die Menschheit
vor gar nicht langer Zeit ganz gut ohne Handy zurechtgekommen ist.
Werden Handys jedoch zum Zwecke der Freizeitgestaltung eingesetzt und
um andere an Intimitäten teilhaben zu lassen, empfinde ich sie
als eine Pest. Es interessiert mich nicht im geringsten, ob Tante
Eugenie zum Kaffee kommt und ihren Dackel, den sie überflüssigerweise
auch noch "Herr
Keunichen" nennt, nicht mitbringen kann, weil er "heute
unpässlich" ist oder ob "Eckhardt ganz schön getobt
hat", als er erfuhr, dass "Minnie sich nun doch in Las Vegas"
hat trauen lassen. Es ist mir auch egal, wenn "die Nachbarn schon
wieder in Valparaiso Urlaub" gemacht haben und "Friedel darüber
nur lachen" kann. Ich will es nicht wissen. Ich habe genügend
eigene Geschichten und will deshalb nicht mit Dingen von allen Seiten
vollgelabert werden, die mit mir und meiner Familie nicht das
Geringste zu tun haben. Nur - genau das gelingt mir immer weniger,
weil die Handys allerorten auftauchen und die Menschen immer
mitteilsamer werden. Und immer mehr Menschen verstärkter daran
glauben, dass gerade ihre Privatgeschichten so interessant sind, dass
jede/r sie hören will. ABER SIE SIND ES NICHT!!!! Punktum.
Allerdings: Manchmal braucht man solche Geschichten - um sie zum Beispiel hier zum Besten zu geben.