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Mittwoch, 24. Juni 2009

Die Sache mit dem Glauben

Ort: Fußgängerampel
Zeit: Früh um 7.30 Uhr

Der Glaube ist eine Oase im Herzen,
die niemals von der Karawane des Denkens erreicht wird
(Khalil Gibran)

Frisch ist der Morgen und eigentlich dazu angetan, nicht unmittelbar ins Büro zu fahren, sondern einen Umweg durch den nahegelegenen Alsterpark zu machen. Aber die Zeit drängt und so stehe ich natürlich wieder um die gleiche Zeit wie jeden Morgen an einer Straße, die mir - auch jeden Morgen - die rote Karte in Form einer Ampel zeigt. Halt! Heißt es. Aber man kann Abhilfe schaffen. Es gibt nämlich eine Vorrichtung, die die Ampel Mores lehrt: Sie muss unweigerlich irgendwann GRÜN zeigen - für mich -, wenn ich den kleinen Schalter betätige, der an ihr befestigt ist und durch die Abbildung einer Hand auffordert, solches auch zu tun.

An diesem Morgen bin ich nicht die erste. Eine alte Dame (also älter als ich in jedem Fall), ist schon um diese Morgenstunde mit ihrem Hackenporsche unterwegs und hat die Automatik bereits betätigt.

Nun verhält es sich mit dieser Ampel so, dass sie nicht autonom ist. Nein, sie ist vielmehr von einer etwas weiter entfernten abhängig, die eine Verbindung in Form einer Schaltuhr herstellt und damit die Ampelphase in Gang setzt. Es kommt zu einer Serienschaltung, die dann dafür sorgt, dass auch die Fußgänger-Ampel grün wird.

Ich weiß das. Wenn man zu einem ungünstigen Zeitpunkt das Handflächenfeld berührt, dauert es manchmal lange, weil die vorgebende Ampel eine Kreuzung weiter gerade grün war. Man muss dann warten, bis auch sie wieder ihre Grünphase gefunden hat. Das kann dauern. Hört sich kompliziert an, ist es aber nicht. Ich fasse mich in Geduld, weil ich grundsätzlich nicht bei ROT Kreuzungen überquere. Ich sage mir immer, soviel Zeit muss sein.

Und was habe ich davon, wenn ein Auto - wesentlich stärker als mein Rad und ich - in schneller Fahrt für eine noch schnellere Fahrt mit dem Unfallwagen sorgen würde, in dem mein Körper zerschunden darniederliegt? Nein.

Die Dame neben mir hat diese Geduld nicht. Sie fängt an, an der bereits ausgelösten Automatik zu reiben. Immer schneller wird ihre Handbewegung und ich schau mir das eine Weile an. Alles in allem warten wir höchstens drei Minuten, aber die alte Dame hat keine Zeit, denn im Alter läuft die Zeit schneller. Das ist wissenschaftlich bewiesen.

Ich werfe ihr einen Blick zu und sage:
Das wird nichts helfen. Die Schaltuhr läuft auch ohne das erneute Anfassen der Fläche ihre Zeit ab.
Sie entgegnet: Aber manchmal hilft es doch, dann geht das schneller.
Und sie setzt hinzu: Sehen Sie? Jetzt schaltet die Ampel um.
Ja, sage ich, einen Blick auf die Kreuzung weiter entfernt werfend, jetzt muss sie auch, denn die Ampel dort ist auf ROT gesprungen.
So? meint die neben mir Stehende.
Ich versuche, es ihr zu erklären, während ich neben ihr her - nun bei GRÜN für uns - auf die andere Straßenseite gehe.
Sie aber schüttelt den Kopf und sagt:
Ich glaube aber fest daran, dass die Ampel es bemerkt, wenn ich sie streichele. Sie ist bisher dann immer GRÜN geworden.

Na dann: Lassen wir ihr den Glauben. Solange sie damit nichts Schlimmeres anstellt...

©Margret Silvester, 24. Juni 2009

 

 

 
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