Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und vor allem nicht über den unterschiedlichen Geschmack von Müttern und Töchtern. Gestern auf der Eppendorfer Landstraße : Ich...
Jeder, der sich die Fähigkeit erhält,
Schönes zu erkennen,
wird nie alt werden.
Franz Kafka
so tun als ob
Mittwoch, 8. April 2009
....so tun als ob.....
Wer erinnert sich nicht: Wir waren klein und unerfahren und voller Phantasie. Wir taten so, als ob... wir malten Grundrisse von Wohnungen in den Sand und taten so, als wohnten wir in einem Palast. Die imaginäre Türklinke musste imaginär gedrückt werden und machte „ring-ring" mit dem Kindermund.
„Du gehst wohl jetzt mal einkaufen", sagt das eine Kind und ein anderes ist „wohl mal krank".
Und wir taten so, als wohnten wir in Baumhäusern in einem fernen Land der Phantasie. Die Mütter riefen und wir versteckten uns hinter der Blätterwelt und taten so, als seien wir noch weiter weg. Als hörten wir ihre Rufe nicht.
Wir versanken in Spiel und Spaß und taten so, als ob.
Wir wurden größer und die Realität brachte uns von den Bäumen auf den Boden. Nur wenige setzten ihren Sandgrundriss in Wirkliches um. Die Träume verblassten und machten dem Alltag Platz. Wir kauften „in echt" ein und die Tage zerrannen wie der Sand des Grundrisses unseres ehemaligen Schlosses, in dem wir mal Familie, mal Piraten, mal König und Königin waren.
Es ist an der Zeit, sie zurückzuholen, die Zeit der kleinen Hochstapeleien.
Was ist schöner, als zu Fuß oder mit dem Fahrrad durch eine Gegend zu gondeln und zu tun, als habe man alle Zeit der Welt; als müsse man nicht mit dem umgedrehten Cent zum einkaufen gehen „in echt". Als hätte man nicht einen auf die Uhr schauenden Chef oder eine Zeitkarte, die mit einem metallischen „Klick" das Freisein von dann bis spät unterbindet.
Es geht nicht darum, den Kommerz in den Auslagen zu bewundern und zu bedauern, dass man ihn nicht erstehen kann. Es geht darum, den Kommerz als etwas völlig Überflüssiges zu betrachten und sich zu sagen: Alles, was der Mensch nicht braucht - und dann davon zu träumen, dass man es nicht kauft - nicht, weil man das Geld nicht hat, sondern, weil es einfach wirklich überflüssig ist. Darüber stehen. Den kleinen Felix Krull wirken lassen, der in jedem von uns steckt.
Arroganz an den Tag legen, die einem das Gefühl von „ganz oben sein" gibt. Sich eine Tageskarte leisten und mit Bus und Bahn und Hafenfähre und einem Lunch-Paket im Rucksack den Tag verdaddeln, einfach mal so. Die eigene Stadt von ganz anderen Seiten kennenlernen und in Gässchen Einblick nehmen, die noch im Dornröschen-Schlaf liegen. Die Elbe zu einem Meer der Träume machen.
Eine Auszeit nehmen vom Alltag. Die Fenster blind sein lassen und die Betten ungemacht. Die vielen Überstunden an einem solchen Tag abbummeln.
Und so tun, als könne man sich dieses JEDEN Tag leisten. Nur so.
Und auch, wenn man zur Zeit auf der Schattenseite des Lebens steht, wenn man nicht Überstunden hat, die zu Buche schlagen, sondern in einer Situation ist, in der man eher einen regelmäßigen Tagesablauf sucht, selbst dann tun diese Tage, in denen man so tut als ob, wahre Wunder. Sie machen die Seele frisch, weil das Auge und das Herz neue Dinge aufnehmen.
Lässt man es zu, geht es besser weiter. Das Vergraben in den eigenen vier Wänden trägt nicht zur Phantasie bei und der Flimmerkasten schon gar nicht, der einem vorgekaute Märchen vorsetzt. Auch die virtuelle Welt ist kein Freund, mit dem man Händchen haltend den Jungfernstieg entlang flanieren kann.
Draußen verwandelt man (und frau) sich in den Müßiggänger, den Freiberufler, den Studenten von mir aus. Den Künstler, der die Gegend mit geübtem Auge nach Objekten durchforscht, die es wert wären, auf Leinwand gebannt oder in ein Gedicht verpackt zu werden. Den Komponisten aus Leidenschaft, der Frühlingsboten am Boden und den frischgestrichenen Himmel zu einer Melodie vereinigt.
Es schadet niemandem.
Und das Schönste ist: Das Alter ist egal, wenn man wieder lernt, ein Kind zu sein. Ein Kind, das so tut als ob.....
Erst heute habe ich wieder erleben dürfen wie Kinderaugen strahlen können beim Anblick von Waldameisen, beim Sammeln von Stöcken und Steinen, beim Bestaunen von Rehen, welche im Wald auf einmal vor einem stehen. Wir Erwachsenen suchen viel zu wenig nach dem, was uns zu wirklichen Lebewesen macht. Haben wir doch die Verbindung weitgehend verloren. Wir belächeln Kinder wenn sie uns von Feen, Elfen und Zwergen erzählen und vergessen dabei, dass auch wir diese Fähigkeit einmal hatten. Wir müssen mühsam lernen was uns unsere Zivilisation genommen hat, wir Menschen müssen wieder lernen was wir sind: Wir sind Natur!
viele Grüße Ingo
Veröffentlicht von Helrunar, Seine Homepage here An 04/09/2009 bei 23:49