Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und vor allem nicht über den unterschiedlichen Geschmack von Müttern und Töchtern. Gestern auf der Eppendorfer Landstraße : Ich...
Verantwortlich ist man nicht nur für das,
was man tut,
sondern auch für das,
was man nicht tut. Laotse
chin. Philosoph, 4.-3. Jhd. v. Chr.
Clowns
Dienstag, 13. Januar 2009
Neulich Abend
Gut gelaunt, sozusagen in Hochstimmung, machten wir uns landfein. Die Einladung hing als Büttenkarte am Brett in der Diele und versprach einen wunderbaren Abend, an dem keiner der geladenen Gäste Zweifel hatte. Es galt nun noch, die kleinen mit Liebe ausgesuchten Mitbringsel in den Korb zu legen, zusammen mit dem Zeugs, was man für eine Übernachtung benötigt. Wir waren gut in der Zeit. Sogar die Muße für einen gemeinsamen Kaffee war noch vorhanden.
Wir waren perfekt vorbereitet. Es würde endlich mal nicht heißen, dass wir immer zu spät kommen. Für die Fahrzeit mussten wir etwa 40 Min. ansetzen und wir hatten eineinhalb Stunden (!) zur Verfügung.
Also, Mäntel an, einen letzten Blick, ob alle Kerzen gelöscht sind, für die Katzen Licht und Radio - sie fühlen sich immer so einsam, wenn wir über Nacht wegbleiben - angelassen und dann raus. Das Auto harrte unserer vor der Tür, was auch nicht immer der Fall ist. Die Parkmöglichkeiten an unserem Wohnort sind begrenzt, wie viele unserer eigenen Gäste leidensvoll zu berichten wissen. Und nicht zuletzt auch wir selbst. Wie oft kommt es vor, dass wir mehrere Straßenzüge weit parken müssen und dann, wenn wir eine Verabredung haben, muss auch dieser Fußweg zeitlich eingeplant sein. Aber eben nicht so heute. Das Auto stand so dicht, wir konnten es aus dem Fenster sehen.
Und alles war gut. Der Motor gab seinen satten Klang von sich, was ja bedeutet, dass alles in Ordnung ist. Wir setzen uns in Bewegung. Kurze Strecke die Straße runter und dann rechts, gleich wieder links und noch einmal rechts. Dann waren wir auf der Kreuzung, die uns zum Winterhuder Markt leiten sollte. Und wir hatten Grün! Das ist noch nie geschehen, ich schwöre es. Meistens ist dies schon die erste Hürde, an der wir Zeit einbüßen. Aber nein, heute Abend nicht. Soviel Glück.
Leider - und ich muss mir ein paar Flüche verkneifen, wenn ich das hier so aufschreibe - leider war damit das zeitliche Glück auch schon vorbei. Als wir auf die Kreuzung fuhren, kam im Gegenverkehr ein Wagen angebrettert, dessen Fahrer offensichtlich blind war, denn er hatte die Ampel, die auf seiner Seite Rot zeigen musste, glatt übersehen. Nach dem harten abrupten Bremsen hielten wir an. Wir dachten: Nun entschuldigt er sich und lässt uns dann doch die Vorfahrt, die wir ja von rechts wegen hatten. Aber nein, er versperrte uns den Weg und stieg aus dem Wagen aus. Es war unschwer zu erkennen, dass er nicht nur sein Auto betankt hatte.
Wie es so ist, war die Kreuzung in Haste-nicht-gesehen voll mit Autos, die allesamt nicht mehr voran kamen. Die ersten wussten noch vom Beginn und der Ursache des Übels, die dahinter schon nicht mehr. Und der Aberglaube machte sich sofort breit. Es ist ja wirklich komisch. Menschen, die in Autos durch die Gegend fahren und sich über andere Menschen ob deren Glauben erheben, ein Tanz würde den Regen herbei bringen (was auch häufig genug geschieht) und die die hiesigen technischen Errungenschaften eher ablehnen, diese Menschen fingen an, ihre in den Blechhaufen eingebauten hohlen Hörner zu betätigen, in der Hoffnung, dass dadurch die Kreuzung befreit würde. Nein, wird sie nicht. Keinesfalls. Die Kreuzung wird erst frei, wenn ein paar der Clowns sie mitsamt ihren vierrädrigen Transportfahrzeugen verlassen. Rechts ran oder drüber weg, um die anderen herum, die unbedingt stehen bleiben wollen. WIR konnten ja nicht weg. Hinter uns ein Stau, vor uns der Blödmann, der Fahrer, der ursprünglich den Kreuzungsstau verursacht hatte, stand immer noch neben unserem Wagen. WIR konnten ja nicht weg, weil SEIN Auto genau vor der Schnauze unseres Wagens stand. Ich war immer noch verblüfft, dass der erwartete „Batsch" ausgeblieben war, das Begleitgeräusch, das jeden Autofahrer unangenehm erschreckt und den Weg in eine Werkstatt notwendig macht. Das „Batsch" war also nicht erfolgt, dafür stand der vor uns, der mindestens einmal zu tief ins Glas geschaut hatte, bevor er sich am frühen Abend hinter sein Lenkrad klemmte. Statt des „Batsch" folgte eine Schimpftirade, die hier nicht abdruckreif ist. Wir hatten vorsichtshalber die Türen verriegelt und das war auch gut so, denn der Typ versuchte ein ums andere Mal, unser Auto zu entern. Vielleicht hatte er auch nur genug von seinem eigenen Wagen und wollte tauschen.
Es dauerte nicht lange und wir hörten in der Ferne ein Martinshorn und sahen bald darauf auch Blaulicht. Das alles galt tatsächlich unserer Kreuzung. Nun kamen einige auf die Idee, die Kreuzung über die Fußwege zu verlassen. Auch eine Möglichkeit, die dazu führte, dass den letzten die Hunde - äh, die Polizisten bissen. Denn der Streifenwagen hatte sich auch quer auf die Kreuzung gestellt und die Insassen schritten gemessenen Schrittes zum Fußgängerüberweg, auf dem der letzte Flüchter der Wagen nicht mehr rechtzeitig weiter konnte, weil die Fußgänger inzwischen GRÜN hatten.
Können Sie eigentlich noch folgen?
Einer der Polizisten zückte ein Notizbuch oder wie immer das heißt und fragte offensichtlich den Fahrer des disharmonisch stehenden Wagens auf dem Fußweg nach den Papieren und was er sonst so treibe, wenn er nicht gerade versuche, Fußgänger umzunieten. Also, wir glaubten natürlich nur, dass diese Frage gestellt wurde. Verstehen konnten wir den Wortlaut nicht, aber der Polizist wird den Armen nicht nach einem Kuchenrezept gefragt haben. Obwohl - auch das ist möglich, wenn Clowns die Kreuzung bevölkern.
Unser Freund mit dem Bier im Bauch hatte die Angekommenen natürlich auch bemerkt und anstatt zu machen, dass er in seinen Wagen zurück kommt, fängt der wie ein Vollidiot an, zu winken und zu rufen.
„Hierher", hierher! Zu mir. Hilfe!!! setzte er noch hinzu. Letzteres wird mir auch in späteren Jahren nicht vom Sinn her erschlossen werden.
Der zweite Polizist setzte sich in Bewegung und kam heran.
Wild gestikulierend versuchte der Blödmann (der Verursacher des Ganzen), dem Polizisten die Lage aus seiner Sicht zu erklären. Er hätte ... und wir hätten ... und irgendwie -... und fast....
Was der Polizist als erstes bemerkte, was der feuergefährliche Atem des Mannes.
Er fragte ihn: „Haben Sie was getrunken?"
Die Antwort hätten wir uns denken können, aber sie erfolgte anders.
„Klar", sagte der Clown neben unserem Auto, „klar hab ich getrunken. Aber nur, weil ich ganz und gar verärgert bin. Außerdem - was kümmert Sie, ob ich was getrunken habe? Kümmern Sie sich lieber über die Verkehrsrowdies wie diese hier", und - Sie ahnen es - stieß mit seinem rechten Zeigefinger durch die Luft, die zwischen ihm und uns lag. In gerader Linie.
Der Polizist trat an unseren Wagen und hieß uns, ebenfalls die Papiere rauszurücken. Unsere gute pünktliche Zeit - sie schwand dahin.
Wir reichten ihm das Verlangte.
„Und?" fragte er, „Was ist geschehen?"
Wir erklärten es. Wir standen ja auch noch immer recht eindeutig, obwohl man nun die ehemals grüne Ampel nicht mehr als Beweis herholen konnte und die Zeugen waren auch schon zu Hauf abgehauen.
Aber wir hatten Glück. Weil der Typ mit seinem Wagen auch gar nicht gerade auf seiner Spur stand, sondern halb und halb und dann fast schon auf der Gegenfahrbahn, glaubte uns der Polizist. Inzwischen war sein Kumpel - äh, Kollege - auch eingetroffen, nachdem er einige Strafzettel wegen Zweckentfremdung eines Fußweges und Benutzung des Warnsignals HUPE verteilt hatte. Sie tauschten kurz die Sachlage aus, gaben uns die Papiere zurück, erklärten dem Betrunkenen, dass für ihn die Fahrt hier erstmal zu Ende sei. Einer führte den Mann zum Streifenwagen, der zweite fuhr das querstehende Auto in die nächste Parklücke auf der Seitenstraße, wünschte uns gute Fahrt und ging wieder seiner Arbeit nach. Die sah vermutlich so aus, dass sie mit einem Fahrgast zurück auf die Wache fuhren. Aber das blieb uns verbogen und wir konnten mit einer halben Stunde Verspätung durch den Auftritt einiger Clowns auf der Kreuzung unsere Fahrt fortsetzen.