Hamburgs Wege, insbesondere die für Zweiräder Hamburg ist so wunderschön, so voller Superlative und Besonderheiten; hier toben täglich Winde und teilen die Menschen dieser...
Da
hat es der Hobbyeisenbahner einfacher. Bei seinen Kleinodien auf
Schienen braucht es mehr als eine geöffnete Tür, damit ein
Schaden entsteht. Zum Beispiel einen einfachen Berechnungsfehler in
der Fahrzeit der Züge. Oder eine Weichenschaltung, die nicht mit
dem Verlauf der Schienen kooperiert. Oder der Freizeiteisenbahner hat
Spaß daran, ab und an mal, nur so zwei Züge miteinander
kollidieren zu lassen. Bei den echten darf er das ja nicht.
In
der englischen Grafschaft Kent (siehe auch Artikel „Die Engländer
und der Mond“) entdeckten wir vor einigen Jahren während des
Urlaubs ein Schild mit der seltsamen Aufschrift
“Tea
& Coffee Gardens
sandwiches
homebaked
cakes
-
Opening from 11 a.m. to 6 p.m. -
Closed
on mondays.
Train
accidents as required”.
Wegen
der letzten Zeile neugierig geworden, betraten wir einen typisch
englischen Cottage-Garten mit wilden Heckenrosen und Lavendel,
duftendem Salbei und wildwogenden Anemonen. Der aus Naturstein
hergestellte Fliesenweg führte schlägelnd auf ein altes
englisches Landhaus zu, an dessen Tür besagtes Schild in etwas
kleiner noch einmal hing. Es stellte sich heraus, dass im Innern
tatsächlich ein kleines gemütliches Restaurant verborgen
war mit Platz für etwa 20 Personen. Durch offenstehenden french
windows gelangte man auf eine Sonnenterrasse mit noch einmal
ebensoviel Platz an schmiedeeisernen Tischchen und Stühlen. Ein
freundlicher älterer Herr wies uns einen Platz am Rande der
Terrasse zu und gab zu verstehen, dass dort “die beste Sicht”
sei. Als wir uns gesetzt hatten, sahen wir es: Quer durch einen
schönen verwilderten Garten schlängelten sich
Eisenbahngeleise en miniature (nein, nicht HN oder H0, um einiges
größer) und verloren sich im Dickicht der Büsche und
Pflanzen. Wir bestellten den unnachahmlichen englischen
Früchtekuchen, der als “ magnificent” auf der handgemalten
Karte bezeichnet war und tranken dazu “coffee with brown sugar and
cream”. Es war paradiesisch still, bis plötzlich ein schriller
Pfeifton unsere gemütliche Unterhaltung unterbrach. Wir hatten
schon vergessen, was das Schild am Eingang versprochen hatte. Es
dauerte nicht lange, da tauchte unter einem der Büsche von
blühenden Gartenazaleen eine kleine Dampflok auf und näherte
sich auf den Schienen der Terrasse. Sie zog ein paar Waggons hinter
sich her, angefangen mit einen Kohlentender, gefolgt von einem
Gepäck- und mehreren Personenwagen. Das Geräusch, welches
der Zug machte, wahr identisch mit den realen großen Zügen,
nur ein ganz kleines bisschen leiser. Dampf quoll aus dem Schornstein
und wieder ertönte ein schriller langgezogener Pfiff. Nahe der
Terrasse gingen rechts und links von den Schienen Schranken herunter.
Der alte Herr, der uns auf die Terrasse geführt hatte, trug
jetzt eine englische Eisenbahnermütze und hatte eine Kelle in
der Hand. Als der Zug direkt neben der Terrasse hielt - jetzt war
ersichtlich, dass die Fliesen die Höhe eines passenden
Bahnsteigs hatten - rief der Alte “Old Daffodils Farm - Stopping
for two minutes!” Die übrigen Gäste um uns her schienen
den Ablauf schon zu kennen. Sie freuten sich und winkten und redeten
durcheinander. Ich glaube, viel fehlte nicht, dann wären sie zum
Zug gegangen, um liebe Freunde dort abzuholen. Natürlich
bewegten sich die kleinen Passagiere an den Fenstern des Zuges nicht.
Sie saßen da, lasen die “Newspaper” oder schauten
gelangweilt aus den Fenstern ihres Abteils. Gut erkennbar waren sie.
Nach der genannten Zeit von zwei Minuten ertönte wieder ein
Pfiff, diesmal aus der Trillerpfeife des Stationsvorstehers, wie wir
ihn schon heimlich bezeichneten. Der Zug setzte sich in Bewegung und
wurde schneller, verschwand nach einigen kurzen Augenblicken im
Dschungel des Gartens. Der Eisenbahner trat an unseren Tisch und
fragte, wie uns der Kuchen schmecke und woher wir kämen. Es war
eine angenehme kleine Plauderei, bis er uns fragte, ob wir einen
Wunsch hätten.....Einen Wunsch? Nein, wir waren satt und auch zu
trinken hatten wir genug. Das meine er ja nicht. Ob wir Interesse
hätten, einmal einem Zugunglück beizuwohnen? Ahh, train
accidents ... das Schild fiel uns wieder ein. Es war ein ambivalentes
Gefühl, was sich da breit machte. An und für sich sind
Zugunglücke nicht gerade das, was wir uns im Urlaub wünschen.
Aber so im Modell? Von den anderen Tischen schauten alle zu uns
herüber. Zustimmung konnte ich aus den Gesichtern lesen. Also
ließen wir erkennen, dass wir neugierig wären auf das, was
passieren solle.
Der
alte Herr verließ uns mit strahlendem Gesicht und leuchtenden
Augen. Es dauerte nicht lange, da ertönte wieder dieser
ohrenbetäubende Lokomotiven-Pfiff. Ich habe mich später
gefragt, wie die Nachbarschaft wohl auf Dauer dazu stehen mag. Nun
kam auf einem anderen Gleis ein ganz moderner Zug unter hohem Farn
hervor. Ein ICE möchte ich meinen. Es waren die französischen
Nationalfarben auf der E-Lok erkennbar. Er kam mit einem ziemlichen
Tempo von links heran. Gleichzeitig nahte aus der rechten Seite des
Gartens ein kleiner Bummelzug mit eine dampfbetriebenen Lok, viel
langsamer als der schnelle Franzose. Sie fuhren auf verschiedenen
Gleisen, begegneten sich - wieder direkt an der Terrasse - und
verschwanden in die entgegengesetzten Richtungen. Kurz überlegten
wir, ob irgendetwas nicht geklappt hätte. Aber das war nur ein
Mittel, die Spannung weiter aufzubauen, denn jetzt wurden die Weichen
neu gestellt. Als die Züge nach kurzer Zeit wieder unter
langgezogenem Hupton und Gepfeife auftauchten, fuhren sie direkt
aufeinander zu - auf ein und demselben Gleis. Es kam wie es kommen
musste: Der Zusammenprall unmittelbar auf Höhe des “Bahnsteigs”
war schrecklich. Beide Züge entgleisten, die Waggons sprangen
aus den Schienen, die Lok des Bummelzuges wurde meterweit durch die
Luft geschleudert. Passagiere fielen heraus. Als direkt danach
Sirenen aufheulten, begannen die Menschen in dem Garten-Cafe Beifall
zu klatschen. Es war beeindruckend. Auch, wenn so ein „train
accident“ nicht jedermanns Sache ist: Was für ein Hobbyist!
Präzise und perfektioniert, routiniert wahrscheinlich über
Jahre. Als er wieder an unseren Tisch trat, mussten wir ihm einfach
gratulieren zu dieser Aktion. Im übrigen hat es uns nicht
überrascht, dies in England zu erleben. Dort ist nichts
einfacher, als etwas skurril zu sein.
Anmerkung zum Schluss:
Ich sammle keine Frösche mehr. Nach dem Studieren eines Buches
über „Entrümpelung des Alltags“ bin ich dahinter
gestiegen, dass Sammlung oft keinen eigentlichen Nutzen mehr hat. Ich
denke, ich habe es überwunden. Ein paar besondere Exemplare der
Sammlung sind natürlich geblieben. Sie haben geeignete Plätze
in der Wohnung gefunden. Nein, ich sammle keine Frösche mehr.
Ich sammle gar nicht mehr. Wenn man davon absieht, dass etwa ein
Dutzend kleiner Milchkännchen ihren Weg in eines meiner Regale
gefunden haben. Diese winzigen niedlichen Kännchen, die man
früher neben einem Kaffeegedeck in einer Konditorei fand. Nie
wäre ich auf die Idee gekommen, dass es so viele verschiedene
Exemplare gibt........