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Freitag, 18. Juli 2008
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Sammlungen
Seite 2


Da hat es der Hobbyeisenbahner einfacher. Bei seinen Kleinodien auf Schienen braucht es mehr als eine geöffnete Tür, damit ein Schaden entsteht. Zum Beispiel einen einfachen Berechnungsfehler in der Fahrzeit der Züge. Oder eine Weichenschaltung, die nicht mit dem Verlauf der Schienen kooperiert. Oder der Freizeiteisenbahner hat Spaß daran, ab und an mal, nur so zwei Züge miteinander kollidieren zu lassen. Bei den echten darf er das ja nicht.

In der englischen Grafschaft Kent (siehe auch Artikel „Die Engländer und der Mond“) entdeckten wir vor einigen Jahren während des Urlaubs ein Schild mit der seltsamen Aufschrift


Tea & Coffee Gardens

sandwiches

homebaked cakes

- Opening from 11 a.m. to 6 p.m. -

Closed on mondays.

Train accidents as required”.


Wegen der letzten Zeile neugierig geworden, betraten wir einen typisch englischen Cottage-Garten mit wilden Heckenrosen und Lavendel, duftendem Salbei und wildwogenden Anemonen. Der aus Naturstein hergestellte Fliesenweg führte schlägelnd auf ein altes englisches Landhaus zu, an dessen Tür besagtes Schild in etwas kleiner noch einmal hing. Es stellte sich heraus, dass im Innern tatsächlich ein kleines gemütliches Restaurant verborgen war mit Platz für etwa 20 Personen. Durch offenstehenden french windows gelangte man auf eine Sonnenterrasse mit noch einmal ebensoviel Platz an schmiedeeisernen Tischchen und Stühlen. Ein freundlicher älterer Herr wies uns einen Platz am Rande der Terrasse zu und gab zu verstehen, dass dort “die beste Sicht” sei. Als wir uns gesetzt hatten, sahen wir es: Quer durch einen schönen verwilderten Garten schlängelten sich Eisenbahngeleise en miniature (nein, nicht HN oder H0, um einiges größer) und verloren sich im Dickicht der Büsche und Pflanzen. Wir bestellten den unnachahmlichen englischen Früchtekuchen, der als “ magnificent” auf der handgemalten Karte bezeichnet war und tranken dazu “coffee with brown sugar and cream”. Es war paradiesisch still, bis plötzlich ein schriller Pfeifton unsere gemütliche Unterhaltung unterbrach. Wir hatten schon vergessen, was das Schild am Eingang versprochen hatte. Es dauerte nicht lange, da tauchte unter einem der Büsche von blühenden Gartenazaleen eine kleine Dampflok auf und näherte sich auf den Schienen der Terrasse. Sie zog ein paar Waggons hinter sich her, angefangen mit einen Kohlentender, gefolgt von einem Gepäck- und mehreren Personenwagen. Das Geräusch, welches der Zug machte, wahr identisch mit den realen großen Zügen, nur ein ganz kleines bisschen leiser. Dampf quoll aus dem Schornstein und wieder ertönte ein schriller langgezogener Pfiff. Nahe der Terrasse gingen rechts und links von den Schienen Schranken herunter. Der alte Herr, der uns auf die Terrasse geführt hatte, trug jetzt eine englische Eisenbahnermütze und hatte eine Kelle in der Hand. Als der Zug direkt neben der Terrasse hielt - jetzt war ersichtlich, dass die Fliesen die Höhe eines passenden Bahnsteigs hatten - rief der Alte “Old Daffodils Farm - Stopping for two minutes!” Die übrigen Gäste um uns her schienen den Ablauf schon zu kennen. Sie freuten sich und winkten und redeten durcheinander. Ich glaube, viel fehlte nicht, dann wären sie zum Zug gegangen, um liebe Freunde dort abzuholen. Natürlich bewegten sich die kleinen Passagiere an den Fenstern des Zuges nicht. Sie saßen da, lasen die “Newspaper” oder schauten gelangweilt aus den Fenstern ihres Abteils. Gut erkennbar waren sie. Nach der genannten Zeit von zwei Minuten ertönte wieder ein Pfiff, diesmal aus der Trillerpfeife des Stationsvorstehers, wie wir ihn schon heimlich bezeichneten. Der Zug setzte sich in Bewegung und wurde schneller, verschwand nach einigen kurzen Augenblicken im Dschungel des Gartens. Der Eisenbahner trat an unseren Tisch und fragte, wie uns der Kuchen schmecke und woher wir kämen. Es war eine angenehme kleine Plauderei, bis er uns fragte, ob wir einen Wunsch hätten.....Einen Wunsch? Nein, wir waren satt und auch zu trinken hatten wir genug. Das meine er ja nicht. Ob wir Interesse hätten, einmal einem Zugunglück beizuwohnen? Ahh, train accidents ... das Schild fiel uns wieder ein. Es war ein ambivalentes Gefühl, was sich da breit machte. An und für sich sind Zugunglücke nicht gerade das, was wir uns im Urlaub wünschen. Aber so im Modell? Von den anderen Tischen schauten alle zu uns herüber. Zustimmung konnte ich aus den Gesichtern lesen. Also ließen wir erkennen, dass wir neugierig wären auf das, was passieren solle.

Der alte Herr verließ uns mit strahlendem Gesicht und leuchtenden Augen. Es dauerte nicht lange, da ertönte wieder dieser ohrenbetäubende Lokomotiven-Pfiff. Ich habe mich später gefragt, wie die Nachbarschaft wohl auf Dauer dazu stehen mag. Nun kam auf einem anderen Gleis ein ganz moderner Zug unter hohem Farn hervor. Ein ICE möchte ich meinen. Es waren die französischen Nationalfarben auf der E-Lok erkennbar. Er kam mit einem ziemlichen Tempo von links heran. Gleichzeitig nahte aus der rechten Seite des Gartens ein kleiner Bummelzug mit eine dampfbetriebenen Lok, viel langsamer als der schnelle Franzose. Sie fuhren auf verschiedenen Gleisen, begegneten sich - wieder direkt an der Terrasse - und verschwanden in die entgegengesetzten Richtungen. Kurz überlegten wir, ob irgendetwas nicht geklappt hätte. Aber das war nur ein Mittel, die Spannung weiter aufzubauen, denn jetzt wurden die Weichen neu gestellt. Als die Züge nach kurzer Zeit wieder unter langgezogenem Hupton und Gepfeife auftauchten, fuhren sie direkt aufeinander zu - auf ein und demselben Gleis. Es kam wie es kommen musste: Der Zusammenprall unmittelbar auf Höhe des “Bahnsteigs” war schrecklich. Beide Züge entgleisten, die Waggons sprangen aus den Schienen, die Lok des Bummelzuges wurde meterweit durch die Luft geschleudert. Passagiere fielen heraus. Als direkt danach Sirenen aufheulten, begannen die Menschen in dem Garten-Cafe Beifall zu klatschen. Es war beeindruckend. Auch, wenn so ein „train accident“ nicht jedermanns Sache ist: Was für ein Hobbyist! Präzise und perfektioniert, routiniert wahrscheinlich über Jahre. Als er wieder an unseren Tisch trat, mussten wir ihm einfach gratulieren zu dieser Aktion. Im übrigen hat es uns nicht überrascht, dies in England zu erleben. Dort ist nichts einfacher, als etwas skurril zu sein.

Anmerkung zum Schluss: Ich sammle keine Frösche mehr. Nach dem Studieren eines Buches über „Entrümpelung des Alltags“ bin ich dahinter gestiegen, dass Sammlung oft keinen eigentlichen Nutzen mehr hat. Ich denke, ich habe es überwunden. Ein paar besondere Exemplare der Sammlung sind natürlich geblieben. Sie haben geeignete Plätze in der Wohnung gefunden. Nein, ich sammle keine Frösche mehr. Ich sammle gar nicht mehr. Wenn man davon absieht, dass etwa ein Dutzend kleiner Milchkännchen ihren Weg in eines meiner Regale gefunden haben. Diese winzigen niedlichen Kännchen, die man früher neben einem Kaffeegedeck in einer Konditorei fand. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass es so viele verschiedene Exemplare gibt........



©Margret Silvester, überarbeitet am 18. Juli 2008



 
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