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Die Hoffnung ist ein Regenbogen
über dem herabstürzenden Bach
des Lebens.
Friedrich Nietzsche, 1844-1900

 
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Tod an der Elbe PDF Drucken E-Mail
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Freitag, 21. März 2008
Artikel Inhalt
Tod an der Elbe
Seite 2

Tod an der Elbe

Prolog

Der Hamburger Fischmarkt ist ein Garant dafür, dass es Hamburg an Skurrilitäten nicht fehlt und dass es dort – unter anderem – immer frischen Fisch zu kaufen gibt. Lange Jahre kam dieser Fisch nicht aus der Elbe, sondern von weit her. Stint, den kleinen Elblachs, gab es gar nicht mehr. Der Fluss war sozusagen stint-tot. Und nicht nur Stint, auch alle übrigen essbaren Elbfische hatten neuerdings Haare an den Flossen und Würmer im Leib, wie sich das für einen guten Fisch nicht gehört. Die Elbfischer durften überhaupt keinen Fisch mehr aus dem Strom, der Hamburgs Leben begründet hatte, herausholen. Das wurde erst in den frühen 90er Jahren wieder erlaubt. Und damit kam auch der Stint zurück. Heute bieten viele Restaurants entlang der Elbe Stint an. Spezialitäten wie „Stint in Bierteich“ oder „Stint auf Spießchen“ stehen dann auf der Speisekarte. Ich esse Stint am liebsten 'natur'; gebraten nach einem überlieferten Rezept meiner Großtante, die in einem der Hamburger Kaufmannshäuser um die Wende zum 20. Jahrhundert ihren Dienst als Köchin tat.

* 

Für meinen Mann bereite ich ein Festessen dieser Art, wenn er von 'großer Fahrt' zur Zeit des Stintes heimkommt, so wie jetzt gerade. Ich decke den Tisch festlich mit Kerzen und funkelndem Kristall für den passenden Wein, die Stoff-Servietten mit dem gestickten Monogramm stecken in silbernen Ringen, die uns meine Großmutter vererbt hat. Neben den Tellern mit dem blauen Muster – ebenfalls Erbgut aus früheren Generationen – liegt das Fischbesteck, in dessen Handgriffe geschickte Silberschmiede kleine Fische ziseliert haben. Den Esstisch deckt ein weißes Leinen und in der Mitte lassen überschwängliche Tulpen in Rot ihre Köpfe kaskadenhaft über den Rand der bauchigen Vase hinab.

Ich habe mir zwei Tage frei genommen, wie ich es oft tue, wenn die Ankunft der MS 'Lissabon' ins Haus steht, auf der mein Mann Kongo und zurück als Maschinist fährt, und trage aus gegebenem Anlass wie immer mein bestes Outfit. Dazu habe ich mir alle Mühe gegeben, die Spuren der Alltäglichkeiten aus meinen Antlitz zu verbannen.

Zarte Sphärenklänge aus der Musikanlage, zum Beispiel ein Cembalo-Stück von Scarlatti, untermalen das gesamte Ambiente.

Die Vorsuppe in der Terrine verspricht nur appetitanregend, nicht aber sättigend zu sein, der Fisch duftet unter der Abdeckplatte und die Butter demonstriert ihre Liebe zu den heißen Kartoffeln auf ihre Art. Sie schmilzt dahin und kann nicht anders.
Mein Mann kommt heim und statt einer Begrüßung fragt er:
"Stint?"
N
ach einem flüchtigen Begrüßungskuss, der mir signalisiert, dass es auch schon irgendwo einen Begrüßungscocktail gegeben hat, setzt er sich in seinen Hafen-, Teer- und Nikotin-Duft verbreitenden Arbeitsklamotten zu Tisch, greift sich die Tasse mit Vorsuppe, die ich ihm mit einem freundlichen 'Guten Appetit' gereicht habe und trinkt sie leer. Gleich danach stopft er sich einen Stint nach dem anderen zusammen mit den zarten neuen Kartoffeln in den Mund, der nebenbei ein halbes Dutzend zotiger Witze von sich gibt. Über die Witze lacht er selbst am lautesten, schallend und mit der freien Hand auf den Tisch neben den Teller schlagend. Seine eigenen Witze lassen ihn kaum Luft holen, und als es ihm doch gelingt, ist es gerade die falsche Zeit. Deshalb rutscht ihm einer dieser leckeren kleinen Fische weit in die falsche Röhre. Ich mache noch die Bemerkung, dass man mit vollem Mund nicht reden soll. Aber er schlägt meine Warnung in den Wind. Dies macht er sehr anschaulich, indem er mit beiden Armen über dem Kopf wild fuchtelnd um sich haut. Solange ich ihn kenne, ist er leicht aufbrausend und hektisch. Ungeduldig und häufig übellaunig. Und wenn er etwas tut, muss er es immer gleich übertreiben. So wie heute.
*
Die letzten Tage mit Wind von See – das ergibt immer eine braune Suppe im Strom. Wenngleich die Elbe seit einigen Jahren sogar wieder den Stint stromauf wandern lässt, ist es nicht zu übersehen, dass das Wasser immer noch nicht den blauen Himmel, sondern die Spuren der Abwässer spiegelt. Besonders bei Wind von West. Der drückt mit der aufkommenden Flut die grauen Wellen der Nordsee aus der Hamburger Bucht in die Elbmündung und hört bei Ebbe nicht damit auf. Beständig wäscht der Fluss die fremdem Stoffe wieder hinaus in die See, beständig drückt der West sie wieder zurück. Vieles sinkt auf den Grund, manches schafft es ein ganzes Stück die Elbe hinauf, womöglich bis Hitzacker. Anderes wiederum wird durch das Zutun von kleineren und größeren Wellen, die die ein- und auslaufenden Ozeanriesen mit sich führen, auch an den Strand gespült, von hier bis nach Blankenese und an die Ufer vom Alten Land. Wer zu dieser Zeit ein unfreiwilliges Bad in der Elbe nimmt – kann sein, er wird nie wieder gesehen.

 
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