Hamburgs Wege, insbesondere die für Zweiräder Hamburg ist so wunderschön, so voller Superlative und Besonderheiten; hier toben täglich Winde und teilen die Menschen dieser...
Faunsflötenlied Ich glaube an den großen Pan,
Den heiter heilgen Werdegeist;
Sein Herzschlag ist der
Weltentakt,
In dem die Sonnenfülle kreist. Es wird und stirbt und stirbt
und wird,
Kein Ende und kein Anbeginn.
Sing, Flöte, dein Gebet der
Lust!
Das ist des Lebens heilger Sinn.
Die Hamburger sprechen fast ehrfürchtig von 'ihren'
Stürmen. Es gibt die frühen 'Oktoberstürme', die nach dem wahrhaft goldenen
Altweibersommer die bunten Blätter in ihrem Todeskampf unterstützen und die
Elbe damit berieseln.Oder die
'Novemberstürme', wenn in grauer nieseliger Regenzeit, in der es noch nicht
weiß, ob's weiterhin Herbst oder schon Winter ist, die Schauerleute im
Hamburger Hafen die Kragen ihrer dicken Mäntel aufstellen und die Elbsegler
tief in die Stirn ziehen; dann nach einer Zeit der winterlichen Ruhe, wenn eher
der Ostwind mit seiner Eiseskälte den Hafen zu einem Märchenreich aus Zuckerguss
werden lässt, bei dem man staunt und fast vergisst, das es wirklich kalt ist,
brechen die 'Februar-Stürme' los und brachten schon mehr als einmal die
Küstenlandschaft dort oben durcheinander, rissen Stücke vom Festland und
tauften sie in Inseln um oder verschluckten mal eben ganze Siedlungen mitsamt
den dazugehörigen Bewohnern.
Die
Westwinde der Folgemonate sind eher harmlos und tragen keine besonderen Namen.
Sie kommen oft mit Regen und der Sehnsucht nach der Flucht in wärmere Gefilde.
Aber ganz Unentwegte zieht es gerade dann nach Övelgönne, der Perle am
Elbstrand, zu einem ausgedehnten Spaziergang am Fluss.
Es ist
April, die Zeit der Stinte. Der Monat zeigt sich ganz klischeehaft, eben so,
wie es sich gehört. Ich steige bei strahlendem Sonnenschein auf eine der
Elbfähren und begebe mich sozusagen auf einen 'Mini-Urlaub'. Ich habe heute
frei, vielleicht für lange Zeit der letzte freie Tag. Ich fühle mich aller
Sorgen ledig und was später sein wird, ist mir egal. Der Himmel zeigt mal
wieder sein gutes Gefühl für Farbzusammenstellungen und entwickelt eine
Komposition aus gewaschenem Blau hinter den zarten grünen Ansätzen in Ast und
Zweig. Keine Spur mehr von dem wilden frühen Morgen, an dem die Wolken gefüllt
mit Hagel und Regen über die Stadt tobten und sich einen Teufel darum scherten,
dass es vielleicht Mühe macht, ein kleines Boot über die Elbe zu rudern.
Um mich
herum frohe, ausgeruhte Gesichter. Keine Menschen, die zur Arbeit hasten,
sondern solche, die wie ich heute den Müßiggang pflegen dürfen. Es ist doch ein
erhebendes Gefühl, an einem ganz stinknormalem Wochentag auf der Elbe zu
schippern und das Treiben ringsum, die Barkassen und Schleppkähne, die großen
Pötte an den Kais, das Rufen und Schreien und Schimpfen, den Schweiß der
Trossen, die die großen Schiffe halten müssen, all das einfach hinzunehmen und
nicht auf mich zu beziehen. Ich habe meine
Arbeit an diesem Morgen schon getan und werde sicher einen Muskelkater bekommen, weil das kleine Boot gar nicht so leicht
zu manövrieren war und ich auch mit dem Gewicht des Gepäcks Mühe hatte.
Die Fähre
dümpelt auf dem Fluss, aber der Wellengang ist auszuhalten. Wir fahren mit
auslaufendem Wasser die Elbe runter, vorbei an den Docks von Blohm & Voss
und den kleineren Werften. Ich sitze an Deck, obwohl es wirklich ganz schön
frisch hier draußen ist. Aber um nichts in der Welt lasse ich mir diese
Atmosphäre entgehen. ICH bin heute frei und schaue den anderen bei der Arbeit
zu.
Bei
Teufelsbrück habe ich mein Ziel erreicht und verlasse das Schiff, na ja, es ist
schon ein Schiff. Immerhin hat es Aufbauten, eine Gangway und einen starken Motor.
Kaum, dass
ich das Ufer betreten habe und die Fähre – ledig einiger weniger Fahrgäste –
wieder abgelegt hat, bezieht sich der Himmel mit rasch daher kommenden
Wolkengebilden. Eigentlich sehen sie zu dick
und schweraus, um so schnell zu sein,
aber es hat sich gleichzeitig ein kräftiger West erhoben und schon fängt es an,
ungemütlich zu werden. Doch was soll's. Ich bin das Hamburger Wetter gewohnt.
Ich bin hier aufgewachsen und weiß, dass es nur verkehrte Kleidung, aber kein
schlechtes Wetter gibt. Ich setze meinen Weg
fort, denn ich bin eine der Unentwegten, die ich schon früher erwähnte.
Außerdem muss getan werden, was getan werden muss. Auf dem Wasser reiten
winzige Pferde aus Schaum geboren und die ersten Regentropfen mischen sich von
oben ein. Meine Füße mühen sich durch den schnell nass werdenden Elbsand. Ich
gehe mit gesenktem Kopf, denn der Regen ist alles andere als frühlingsweich.
Aber in der Ferne blitzen schon wieder die ersten blauen Streifen. Das macht
Mut.
Mit meinem
Fuß stoße ich an einen Widerstand. Schon? Schneller als erwartet, habe ich ihn
gefunden. Standen Sie schon mal so plötzlich und unerwartet vor einem Toten?
Und dies plötzlich und unerwartet
bekommt eine ganz andere Bedeutung, als ich es von den Todesanzeigen her kenne.
'Plötzlich und unerwartet verstarb unser lieber usw. usf.'
Hier stehe ich also und vor mir liegt ein Toter. Dass er
tot ist, weiß ich. Obwohl ich entfernt damit gerechnet habe, aber keine
konkrete Vorstellung von ihm in seiner Lage und unserer gemeinsamen Situation
hatte, überrascht mich dann doch seine Haltung. Die ist
völlig unbequem. Denn auch, wenn niemand nachgeholfen hätte – so, wie er daliegt, wäre er in jedem Fall gestorben. Sein
Gesicht liegt im Sand vergraben und macht es
mir leicht, ihn nicht zu kennen.
Der Strand
ist, wen wundert's, menschenleer. Aber, wer weiß, vielleicht beobachtet mich
gerade jetzt irgendwer von den Büschen her, die den Strand erstens säumen und
zweitens die dahinter befindlichen schönen Behausungen betuchter Leute
verbergen.
Da ich ihn
so schnell gefunden habe, direkt hier, muss ich meinen ursprünglich gefassten
Plan ändern. Ich wäre aber nicht umsonst bekannt für meine Flexibilität in
ungewöhnlichen Situationen, als dass mir nicht schnell etwas einfiele.
Es dauerte
ein paar Minuten, dann stand ich vor einer der Villen, die einerseits den
Charme jenes Viertels ausmachen, andererseits immer wieder zu Neid Anlass geben.
Wer hier wohnt, hat
seine Schäfchen im Trocknen.
Inzwischen
goss es in Strömen und westliche Böen bliesen mir Seewind in die Ohren. Die
Klingel, die an dem Außentor angebracht war, gab fern einen Wohlklang von sich,
der in einer Dorfkirche die Leute zum Morgengebet gerufen hätte. Der Ton war so
unwirklich, dass mich die Stimme in der Gegensprechanlage direkt neben der
Klingel in die Realität zurückriss.
»Am Strand
liegt eine Leiche«, sagte ich, nachdem ich zuerst meinen Namen genannt hatte.
Die Stimme
am anderen Ende meinte, dies sei ein ganz
dummer Scherz, und sie hätte schon bessere Argumente von Drückern an der Tür
gehört. Damit war Funkstille zwischen uns. Aber nicht für lange, denn so
schnell gebe ich nicht auf. Allein, um den Gong noch einmal zu hören, hätte ich
die Klingel ein zweites Mal betätigt.
»Bitte?«
»Es stimmt
wirklich. Am Strand liegt ein Toter. Genau hier gegenüber.«
Nun war es
sofort still. Aber dann folgte ein Summton, dermichindieLageversetzte, das große Eisentor aufzudrücken. Am
Hauseingang, der nun ein Stück weiter hinter einer kleinen Biegung des Weges
sichtbar wurde, stand eine Frau mittleren Alters, also ungefähr in meinem, und
winkte mir mit der Hand, ich möge doch näher kommen. Als erstes fielen mir ihre
roten Pantoffeln auf und dann, dass sie einen glänzenden Hausanzug trug. Es musste
die Hausbesitzerin selbst sein. Hatten die nicht immer so was wie Butler oder
Mädchen?
Ich war
die Ruhe selbst und streckte ihr meine Hand unter Nennung meines Namens
entgegen. Dann wiederholte ich den Satz mit dem Inhalt, den sie mir zuerst
nicht glauben wollte.
Ihre Hand
fühlte sich kalt und trocken und irgendwie hart an. Merkwürdig, dass man solche
Dinge manchmal registriert wie von einer Lupe vergrößert ins Gehirn gebrannt.
Sie hieß
Frau Hennings. Kein ungewöhnlicher Name. Sie wollte sich etwas anziehen und
dann mit mir zum Strand.
»Meinen Sie nicht, es wäre geschickter, gleich nach der
Polizei zu telefonieren?«
Es mag
daran liegen, dass ich in einer Behörde arbeite. Ich glaube eben noch an den
Rhythmus der Folgerichtigkeiten.
Frau
Hennigs war dieser Meinung nicht.
»Vielleicht
ist es ein schlechter Scherz, es hat sich jemand dort hingelegt, um Sie zu
erschrecken.«
Mein
Kopf verneinte dies demonstrativ durch ein energisches Schütteln.
»Der da
liegt, kann zumindest nicht mehr bewusst jemanden erschrecken. Er liegt mit dem
Gesicht im Sand vergraben.«
»Wie
schrecklich.«
Nun war
auch Frau Hennigs hanseatisch aufgerührt.
»Nun gut«,
fuhr sie fort,
»ich werde die Polizei kontaktieren.«
Ich fand,
dass sie das schön gesagt hatte. Geradezu klassisch. Ich sehe eindeutig zu
viele Krimis. Da sind die Leute immer so cool, dass ich denke, das kann doch
gar nicht möglichsein.
Wäre ich in der Situation, würde ich bestimmt ganz hektisch nach der Polizei
rufen. Aber – wie habe ich nun reagiert?
Völlig
cool. So wie die im Film.
Frau
Hennigs bat mich natürlich nicht ins Haus. Sie lehnte die Eingangstür an und legte von drinnen eine Kette davor. Vermutlich
einfach eine Überreaktion aufgrundgesammelterErfahrungen hier unten an der Elbe mit den vielen
Villen und hübschen anderen Häuschen, die in ihrem Innern sicher noch viel mehr
hübsche Sachen hatten. Da mag sich der eine oder andere
schon mal an eventuelle verwandtschaftliche Beziehungen zu Elstern und ähnlichen Fans glänzender Geschäfte erinnern.
Es dauerte ein paar Minütchen
meines heute so freien Lebens, dann war Frau Hennings wieder da, fast dem Anlass
gerecht angezogen, mochte ich meinen. Ganz in
Schwarz. Einem vornehmen Schwarz.
»Die Polizei wird gleich an Ort und St-elle sein.«
Na, endlich musste sie mit einem Wort über einen 'spitzen
Stein stolpern'. Und ich hatte schon gedacht, es würde nie geschehen.
»Wir sollen alles lassen, wie es ist und nichts anfassen«,
gab sie mir, ganz gewohnt, andere zu unterweisen, zu verstehen.
Auf die Idee wäre ichnie gekommen.
Der Regen
ließ nach und der blitzblaue Streifen aus der Ferne hatte sich aufgemacht, den
Himmel wieder in Besitz zu nehmen. Zum größten Teil war ihm das auch schon
gelungen.
Auf dem
Weg zum Wasser hörten wir schon die nahenden Sirenen einiger Streifenwagen. Sie
kamen schnell und wir waren kaum bei der Leiche angelangt, als auch schon die
ersten Blaulichter in den Strandweg einbogen.
Sie fuhren
wie die Teufel. Und das in der Nähe von Teufelsbrück!
Neben mehreren
Streifenwagen trafen auch zivile Fahrzeugeein, vermutlich die von der Kripo, und dahinter fuhr
noch ein Rettungsfahrzeug, welches garantiert zu spät kam.
Ja,
gestern Abend, da wäre er vielleicht rechtzeitig eingetroffen, aber leider hat
ihn keiner alarmiert.
Die Wagen
hielten einen gebührenden Abstand vom Toten und damit auch von uns. Aus den
zivilen Wagen stiegen gleichzeitig mehrere Männer aus und riefen anderen zu, dass
der Platz gesperrt werden solle. Obwohl in den TV-Serien schon darauf geachtet
wird, dass dann und wann mal eine Weibsperson mit dabei ist, hier fehlte sie
ganz.
Wir, also
Frau Hennings und ich, wurden aufgefordert, unsere Personalien abzugeben und
dann das Feld zu räumen.
Jetzt, wo
es anfing, spannend zu werden!
Ich
musste doch nun wirklich wirklich wissen, warum der Tote sein Gesicht im Sand vergraben hatte.
Vielleicht
hatte er zu lange seinen Kopf in den Sandgesteckt?
Hatte nicht gemerkt, dass er Zeit seines Lebens nichts gemerkthatte? Dass er
einmal zuviel völlig blind in der Gegend herumgetappt war und auf Gefühle
seiner Mitmenschen keine Rücksicht genommen hatte? Und dann seinen Kopf nicht
schnell genug wieder aus dem Sand hatte herausziehen können? Frau
Hennings und ich jedenfalls mussten bei den Wagen bleiben oder ganz verschwinden.
Die Beamten zogen um den Fundort der Leiche ein rot-weiß markiertes Band, auf
dem stand »Polizei – Betreten verboten.«
Ich
glaube, es stand auch 'Tatort' drauf.
Was im Übrigen
nicht stimmte, aber das konnten die ja nicht wissen.
Ein
Beamter forderte mich und auch Frau Hennings auf, unsere Sohlen auf einem Stück
Karton abzudrücken.
»Wir
müssen Ihre Abdrücke von anderen möglichen beim Tatort abziehen«, gab er uns
eine Erklärung.
Probleme
gab es vor allem bei meinen, denn die hatten ein dickes, sehr grobes Profil,
was sich im Laufe des Hin- und Hergerennes auf dem Strand gut mit Sand gefüllt
hatte. Immerhin, ein Polizist machte meine Sohlen sauber. Das war doch mal was.
Einer der
Beamten kam zurück und schüttelte sich.
»Einen
Fisch hat der im Hals; einen Fisch!«
Sie
sprachen darüber, nicht zu leise. Ich konnte das meiste verstehen. Also der
Tote hatte, als sie ihn umdrehten, einen Fisch im Hals. Einen kleinen zwar,
aber immerhin. Papiere hätten sie nicht bei ihm gefunden. Also ab in die
Medizinische.
Die
ganze Zeit schoss ein
emsiger Fotograf sein Blitzlichtgewitter auf den am Boden Liegenden ab. Der
wehrte sich kein bisschen. Mag er in seinem Leben vielleicht auch pressescheu
gewesen sein, hier und heute zeigte er es nicht mehr.
Die
Beamten am Wagen diskutierten noch immer über den Fisch.
»Der Mann
hat nurkurz in
der Elbe gelegen, vielleicht ein paar Stunden. Also hat er den Fisch beim
Versuch, im Wasser zu atmen selbst gefangen?«
Auf diese
Äußerung folgte ein, zugegebenermaßensehr unpassendes, Gelächter. Alles, was recht ist,
aber so was macht man nicht im Angesicht des Todes! Da geht ja jede Würde
verloren.
»Es ist
kein frischer Fisch.«
»Wie
bitte?«
Die
beteiligten Polizisten schauten sich fragendan.
»Es ist
ein gebratener.«
»Waaas?! Das wird ja immer besser.«
»Dann muss
ihn jemand damit gefüttert haben.«
Erneutes
Gelächter.
»Fragt
sich nur, wer und weshalb?«
»Und was
für eine Art Fisch ist das?«
»Sieht aus
wie ein Baby-Lachs.«
»Wird ja
immer besser. Lachs als Henkersmahlzeit.«
Diese Geschichte wurde bei edition ponte noveau in dem Anthologie-Band "Mord a la carte veröffentlicht. Da der Verlag seine Pforten geschlossen hat, ist es mir eine Freude, die Geschichte jetzt meinen web-Besuchern zugänglich zu machen.