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Die Menschheit lässt sich leicht in zwei Kategorien einteilen:
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Francesco Petrarca

 
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Die Bedrohung PDF Drucken E-Mail
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Dienstag, 24. Juli 2007
Artikel Inhalt
Die Bedrohung
Seite 2
 

Während ihre Gedanken abschweiften, glitt ihr Blick über die noch fast neuen Möbel. Liebevoll strich sie über die weichen Polster der Sitzelemente. Sie war im Nachhinein froh über die Wahl des Bezuges, der sich leicht reinigen ließ. Sie seufzte auf, reckte sich und begab sich auf zu neuen Taten in die Küche.

Auch hier war alles, wie es in einem ordentlichen Haushalt sein sollte. Das nicht benötigte Geschirr hatte seinen Platz in den Schränken wieder eingenommen, die Spüle glänzte, und die Herdplatten waren tiefschwarz. Nur die Kartoffeln, die ungewaschen einer gewissen Zukunft entgegen träumten, mussten noch gesäubert und geschält werden. Sie lagen in ihrem eigenen Dreck auf einem Stück Zeitungspapier vom letzten Wochenende.

Der Braten schmurgelte schon in einer gedeckten Kasserolle im Ofen und verbreitete durch den Wrasenabzug einen leichten Duft von Rosmarin und Lorbeer. Das schadete nichts, sie hatte noch ausreichend Zeit, die Küche wieder mit Frischluft zu versorgen.

Nachdem sie die Kartoffeln gründlich unter fließendem Wasser geschrubbt hatte, legte sie sie in ein Sieb, ließ sie abtropfen und trug sie danach zum Arbeitstisch, an dem sie sich niederließ. Dann zog sie eine der Schubladen auf, in denen sich Utensilien wie kleine Messer und Kartoffelschäler befanden. Mit einem schrillen Schrei und der ganzen Kraft ihrer unbescholtenen winterblassen Arme stieß sie das Schubfach wieder zu, so heftig, dass das Holz im Inneren bedenkliche Splittergeräusche von sich gab.

Ein widerlicher brauner Käfer, den sie in dem Bruchteil einer Sekunde wahrlich nicht genau in Augenschein genommen hatte, saß auf ihrem geputzten Besteck. Eine Gänsehaut lief ihr den Rücken hinunter und sie schüttelte sich wieder und wieder.

Verzweiflung überkam sie, als sie im nächsten Gedankengang feststellte, dass nirgends in der Küche ein anderer Schäler oder ein vergleichbares Werkzeug war, mit dem sie die notwendigen Verrichtungen für die Zubereitung der Kartoffeln hätte vornehmen können.
Ihr Herz klopfte bis zum Hals, und in ihre Ängste mischte sich das Gefühl von schlechtem Gewissen. Wie war es möglich, dass sich in ihrer sauberen Küche Viehzeug dieser Art aufhalten konnte? Vor ihrem geistigen Auge erschienen Werbespots aus dem Fernsehen über Putzmittel, die „garantiert mit allem Dreck" fertig wurden. Oh ja, sie hatte diverse Mittel gegen die verschiedensten Unreinheiten in ihrem Haushalt und dennoch: Da saß in ihrer eigenen Küche ein Ungeziefer.

Sie beschloss, froh über diesen Einfall, die Kartoffeln erst einmal mit Pelle zu garen, obwohl ihr Mann das gar nicht liebte und auch sie selbst sehr ungern Kartoffeln - mit letzten Erdresten womöglich - in ihren schönen blanken Töpfen kochte. Sie näherte sich dem Topfschrank und streckte die Hand aus, um die Tür zu öffnen. In letzter Sekunde hielt sie inne, blieb erstarrt in dieser Haltung stehen. Die Hand ausgestreckt zum Griff der Schranktür. Was, wenn auch in diesem Schrank solche Ungeheuer hausten? Im Halbdämmer der Schränke war es gar nicht möglich, so genau zu überblicken, was sich dort verkroch und womöglich griff sie eines bei dem Versuch, einen Topf herauszuholen. Ein fürchterlicher Schauer überlief sie. Sie zog ihre Hand ruckartig zurück. Die Verzweiflung, die nun von ihr Besitz ergriff, brach sich in einer Tränenflut Bahn. All die guten Frühlingsgefühle, die sie noch vor kurzem beherrschten, waren weg, waren okkupiert von Wesen, die sie verabscheute, hatten sie augenblicklich verlassen. Sie sank auf ihrem Arbeitsstuhl in der Küche zusammen.

In diesem Zustand fand sie ihr Mann, der pünktlich und mit knurrendem Magen nach Hause kam. Mit vielen schluchzenden Unterbrechungen klärte sie ihn über den Grund für das Fehlen eines Mittagessens auf und wies auf die Schublade, die er heldenhaft aufzog.

Das Corpus Delicti saß noch an selber Stelle. Die langen feinen Fühler rechts und links am schwarzen Köpfchen prüften leicht wedelnd die Luft ringsum, die sechs kleinen Beinchen zeichneten sich schwarz auf dem Silberbesteck ab. Der gegliederte Körper steckte in einer Lederglänzenden Hülle und bedeckte in etwa die vordere Spitze des Kaffeelöffels, auf dem der Käfer saß.

Der Mann war außer sich; erstens, weil ein solches Insekt seine Frau in einen derartigen Zustand versetzen konnte und zweitens wegen des entgangenen Mittagessens. Rache! schrie es aus ihm heraus. Rache! Etwas anderes war hier fehl am Platze. Er griff sich die Rolle mit dem Haushaltspapier und riss mehrere Bogen davon ab. Nun begann eine wilde Jagd in dem Besteckkasten, deren Ausgang allerdings schon vorher bestimmt war. Ja, hätte der Käfer die Evolution verpasst, hätte er unter Umständen durch noch vorhandene Flügel eine Chance gehabt, aber so.....

In der hintersten Ecke der großen Besteckschublade, der letzen Fluchtecke sozusagen, griff der Mann den Käfer, knüllte das Papier um ihn herum, warf ihn auf den Fußboden und trampelte dann mit seinen Füßen auf dem Knüllhaufen herum, bis nur noch eine undefinierbare Masse übrig war.
Dann klatschte er ein paar Mal in seine Hände, um den imaginären Dreck abzuschütteln und lud seine Frau auf den Schreck hin zum Essen außer Haus ein.

Bevor sie gingen, kehrte sie noch die kläglichen Überreste auf dem Boden zusammen und warf sie in den Müll.
Sie verließen Arm in Arm das Haus und traten in den Frühlingssonnenschein. Vom jenseitigen Flussufer grüßte der Kühlturm des Schnellen Brüters, in dem der Mann nach der heute etwas ausgedehnteren Mittagspause seinen Arbeitsplatz am Schaltpult wieder einnehmen würde.


©Margret Silvester; erschienen in „Im Zeitalter der Heuschrecke", edition feldhase, 1990



 
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