Hamburgs Wege, insbesondere die für Zweiräder Hamburg ist so wunderschön, so voller Superlative und Besonderheiten; hier toben täglich Winde und teilen die Menschen dieser...
Während ihre Gedanken
abschweiften, glitt ihr Blick über die noch fast neuen Möbel. Liebevoll
strich sie über die weichen Polster der Sitzelemente. Sie war im Nachhinein
froh über die Wahl des Bezuges, der sich leicht reinigen ließ. Sie seufzte auf,
reckte sich und begab sich auf zu neuen Taten in die Küche.
Auch hier war alles, wie es
in einem ordentlichen Haushalt sein sollte. Das nicht benötigte Geschirr hatte
seinen Platz in den Schränken wieder eingenommen, die Spüle glänzte, und die
Herdplatten waren tiefschwarz. Nur die Kartoffeln, die ungewaschen einer
gewissen Zukunft entgegen träumten, mussten noch gesäubert und geschält werden.
Sie lagen in ihrem eigenen Dreck auf einem Stück Zeitungspapier vom letzten
Wochenende.
Der Braten schmurgelte
schon in einer gedeckten Kasserolle im Ofen und verbreitete durch den
Wrasenabzug einen leichten Duft von Rosmarin und Lorbeer. Das schadete nichts,
sie hatte noch ausreichend Zeit, die Küche wieder mit Frischluft zu versorgen.
Nachdem sie die Kartoffeln
gründlich unter fließendem Wasser geschrubbt hatte, legte sie sie in ein Sieb,
ließ sie abtropfen und trug sie danach zum Arbeitstisch, an dem sie sich
niederließ. Dann zog sie eine der Schubladen auf, in denen sich Utensilien wie
kleine Messer und Kartoffelschäler befanden. Mit einem schrillen Schrei und der
ganzen Kraft ihrer unbescholtenen winterblassen Arme stieß sie das Schubfach
wieder zu, so heftig, dass das Holz im Inneren bedenkliche Splittergeräusche
von sich gab.
Ein widerlicher brauner
Käfer, den sie in dem Bruchteil einer Sekunde wahrlich nicht genau in
Augenschein genommen hatte, saß auf ihrem geputzten Besteck. Eine Gänsehaut
lief ihr den Rücken hinunter und sie schüttelte sich wieder und wieder.
Verzweiflung überkam sie,
als sie im nächsten Gedankengang feststellte, dass nirgends in der Küche ein
anderer Schäler oder ein vergleichbares Werkzeug war, mit dem sie die
notwendigen Verrichtungen für die Zubereitung der Kartoffeln hätte vornehmen
können.
Ihr Herz klopfte bis zum
Hals, und in ihre Ängste mischte sich das Gefühl von schlechtem Gewissen. Wie
war es möglich, dass sich in ihrer sauberen Küche Viehzeug dieser Art aufhalten
konnte? Vor ihrem geistigen Auge erschienen Werbespots aus dem Fernsehen über
Putzmittel, die „garantiert mit allem Dreck" fertig wurden. Oh ja, sie hatte
diverse Mittel gegen die verschiedensten Unreinheiten in ihrem Haushalt und
dennoch: Da saß in ihrer eigenen Küche ein Ungeziefer.
Sie beschloss, froh über
diesen Einfall, die Kartoffeln erst einmal mit Pelle zu garen, obwohl ihr Mann
das gar nicht liebte und auch sie selbst sehr ungern Kartoffeln - mit letzten
Erdresten womöglich - in ihren schönen blanken Töpfen kochte. Sie näherte sich
dem Topfschrank und streckte die Hand aus, um die Tür zu öffnen. In letzter
Sekunde hielt sie inne, blieb erstarrt in dieser Haltung stehen. Die Hand
ausgestreckt zum Griff der Schranktür. Was, wenn auch in diesem Schrank solche
Ungeheuer hausten? Im Halbdämmer der Schränke war es gar nicht möglich, so
genau zu überblicken, was sich dort verkroch und womöglich griff sie eines bei
dem Versuch, einen Topf herauszuholen. Ein fürchterlicher Schauer überlief sie.
Sie zog ihre Hand ruckartig zurück. Die Verzweiflung, die nun von ihr Besitz
ergriff, brach sich in einer Tränenflut Bahn.
All die guten
Frühlingsgefühle, die sie noch vor kurzem beherrschten, waren weg, waren
okkupiert von Wesen, die sie verabscheute, hatten sie augenblicklich verlassen.
Sie sank auf ihrem Arbeitsstuhl in der Küche zusammen.
In diesem Zustand fand sie
ihr Mann, der pünktlich und mit knurrendem Magen nach Hause kam. Mit vielen
schluchzenden Unterbrechungen klärte sie ihn über den Grund für das Fehlen
eines Mittagessens auf und wies auf die Schublade, die er heldenhaft aufzog.
Das Corpus Delicti saß noch
an selber Stelle. Die langen feinen Fühler rechts und links am schwarzen
Köpfchen prüften leicht wedelnd die Luft ringsum, die sechs kleinen Beinchen zeichneten
sich schwarz auf dem Silberbesteck ab. Der gegliederte Körper steckte in einer Lederglänzenden
Hülle und bedeckte in etwa die vordere Spitze des Kaffeelöffels, auf dem der
Käfer saß.
Der Mann war außer sich;
erstens, weil ein solches Insekt seine Frau in einen derartigen Zustand
versetzen konnte und zweitens wegen des entgangenen Mittagessens. Rache! schrie
es aus ihm heraus. Rache! Etwas anderes war hier fehl am Platze. Er griff sich
die Rolle mit dem Haushaltspapier und riss mehrere Bogen davon ab. Nun begann
eine wilde Jagd in dem Besteckkasten, deren Ausgang allerdings schon vorher
bestimmt war. Ja, hätte der Käfer die Evolution verpasst, hätte er unter
Umständen durch noch vorhandene Flügel eine Chance gehabt, aber so.....
In der hintersten Ecke der
großen Besteckschublade, der letzen Fluchtecke sozusagen, griff der Mann den
Käfer, knüllte das Papier um ihn herum, warf ihn auf den Fußboden und trampelte
dann mit seinen Füßen auf dem Knüllhaufen herum, bis nur noch eine undefinierbare
Masse übrig war.
Dann klatschte er ein paar
Mal in seine Hände, um den imaginären Dreck abzuschütteln und lud seine Frau
auf den Schreck hin zum Essen außer Haus ein.
Bevor sie gingen, kehrte
sie noch die kläglichen Überreste auf dem Boden zusammen und warf sie in den
Müll.
Sie verließen Arm in Arm
das Haus und traten in den Frühlingssonnenschein. Vom jenseitigen Flussufer
grüßte der Kühlturm des Schnellen Brüters, in dem der Mann nach der heute etwas
ausgedehnteren Mittagspause seinen Arbeitsplatz am Schaltpult wieder einnehmen
würde.